Die Nike-FlaRak-Stellung & GOC Vörden (NL)

 Relikte des Kalten Krieges: 
Grundsätzliches über die Elemente und das Zusammenwirken im NATO-Luftverteidigungsgürtel ist auf der Themenseite nachzulesen.
Über die Verbände und Stellungen des FlaRak-Systems Nike sowie die Entwicklung dieser Waffe berichtet eine weitere Seite.
Die grundlegende Aufteilung einer Nike-Stellung ist auf der Seite über die Stellung Ristedt nachzulesen. Hier soll auf die Eigenarten einer niederländischen Stellung eingegangen werden. Als Besonderheit war in der Stellung Vörden ein Groeps Operatiën Centrum (GOC) eingerichtet, im NATO-Englisch als Battalion Operation Center (BOC) bezeichnet.

In der Aufstellungsphase der niederländischen und der deutschen Nike-Verbände verhielt es sich bei beiden ähnlich. Vorrangig wählte man ehemalige Fliegerhorste und Einsatzhäfen aus dem II. Weltkrieg zum Aufbau von Stellungen aus. Doch während bei der Bundeswehr dies stets nur als vorübergehend geplant war, richtete die Koninklijke Luchtmacht (KLU) sich auf einigen Flugfeldern dauerhaft ein. Dies war auf den Flugplätzen Rheine-Bentlage und Münster-Handorf der Fall. Dritter Platz im Bunde war die auf dieser Seite vorgestellte FlaRak-Stellung auf dem früheren Einsatzhafen Vörden der ehemaligen Deutschen Luftwaffe.

Die Niederländische Luftwaffe stellte zwei Groepen Geleide Wapens (GGW) mit dem System Nike auf. Diese bestanden aus je vier Squadrons. Die 1. GGW besetzte Stellungen in der 1st row, im östlichen Bereich des Nike-Gürtels. Die 2. GGW entsprechend die 2nd row in westlichen Teil. Vörden lag in der 1st row. Hier sollte die 118 Sqn ihre Einsatzstellung beziehen.
Die Einheit ist im August 1959 in Fort Bliss/USA aufgestellt worden. 1960 verlegte sie nach Deutschland. Nach einem Zwischenaufenthalt in der Damloup-Kaserne in Rheine (NRW) bezog sie zunächst einen Block in der Scharnhorst-Kaserne in Osnabrück. Hauptnutzer dieser Liegenschaft war die Britische Armee, welche sie Belfast-Barracks nannte.
Im Jahre 1964 konnte man in die für die Niederländische Luftwaffe neu errichtete Kaserne auf dem ehemaligen Einsatzhafen Hesepe verlegen. Die Einrichtung erhielt den Namen William-Versteegh-Camp.

Das Flugfeld in Vörden diente bereits seit Jahren den Britischen Streitkräften aus Osnabrück als Übungsgelände. 1960 begannen auf Randbereichen des Platzes die Arbeiten zum Aufbau der FlaRak-Stellung. Das frühere Flugfeld wies noch zahlreiche Bombenkrater aus dem II. Weltkrieg auf. Die Flächen mußten zunächst entmunitioniert werden, was anscheinend nicht tiefgreifend vorgenommen wurde.
Am östlichen Ende der Startbahnen hat man die Launcher Area (LA) angesiedelt. Hier waren einzelne Bauwerke des Einsatzhafens stehen geblieben, die nun teilweise genutzt werden konnten. Die ehemalige Flugleitung war noch komplett erhalten. Sie diente fortan als Bereitschaftsgebäude der Stellung. Die meisten anderen Einrichtungen wurden neu gebaut.
In der Stellung Vörden sind, wie üblich, drei Abschuß-Sektionen gebaut worden. Zwei davon, die Sections Alpha und Bravo, hat man mit einem weiteren Zaun besonders abgeteilt. Hier wurde ein Sicherheitsbereich eingerichtet, um die beiden Sektionen mit nuklearen Sprengköpfen bestücken zu können. Über das Thema berichtet die Seite Atomwaffenlager in Niedersachsen.

Gut 1 km westlich der Launcher Area enstand die Intergrated Fire Control (IFC). Auf einem aufgeschütteten Wall konnten die Radargeräte des System Nike aufgestellt werden. Zusätzlich wurde auf einem Gestell ein großes Radargerät, das Fixed-HIPAR, aufgebaut. Dessen kugelförmige Wetterschutzhaube war ein weithin sichtbares Erkennungsmerkmal der Stellung.
Außerdem ist in die IFC das Groeps Operatiën Centrum (GOC) der 1. GGW integriert worden. Die Einrichtung koordinierte den Flugabwehrkampf der vier Batterien des Verbandes.

Die Freigabe der Atomsprengköpfe in der LA konnte nur durch US-Soldaten erfolgen. Der 1. GGW aus Hesepe war dafür das 509th US Army Artillery Detachment zugeordnet. Dessen Bravo-Team war für die Sprengköpfe in der Stellung Vörden zuständig. Für das 509th USAAD ist am Nordrand des ehemaligen Vördener Flugfeldes ein kleiner Unterkunftsbereich errichtet worden.

Im November 1961 konnte die 118 Sqn den Betrieb in der Stellung Vörden aufnehmen. Der nördliche Nachbar wurde die 3. Batterie des FlaRakBtl 25 der Bundesluftwaffe in Wagenfeld; südlicher Nachbar die 121 Sqn der KLU mit Stellung bei Bad Essen.

Der Einsatz in Vörden lief über Jahre hinweg weitgehend ohne besondere Veränderungen. Bei den niederländischen Flugabwehrverbänden ergaben sich 1975 aus finanziellen Gründen einige grundlegenden Umstrukturierungen. 4 von 8 Squadrons wurden aufgelöst. Die 118 Sqn in Vörden war von dieser Aktion jedoch nicht betroffen.
Die übergeordnete 1. GGW wurde mit der 2. GGW zur 12. GGW zusammengefaßt. Dieses führte nun die vier verbliebenen Squadrons. Das Groeps Operatiën Centrum in der IFC Vörden blieb erhalten und diente fortan der neuen 12. GGW.

In den 1980er Jahren bahnte sich auch in der Koninklijke Luchtmacht der Wechsel auf das modernere FlaRak-System Patriot an. Die KLU wollte das neue System deutlich weiter ostwärts stationieren. Vörden stand somit für die Niederländer als auslaufend fest. Die 118 Sqn wurde als letzte Nike-Einheit der KLU am 31. März 1988 deaktiviert. Die Stellung hat man geräumt und aufgegeben.
Die Bundeswehr hatte abweichende Vorstellungen von der Dislozierung der Flugabwehrverbände. Sie sah die Notwendigkeit, die Grundstruktur mit dem östlichen FlaRak-Gürtel für niedrige Höhe und dem westlichen Gürtel für größere Höhen beizubehalten. Von der Bundesluftwaffe war geplant, diverse Nike-Stellungen zu Einsatzstellungen für Patriot umzubauen. Diese Planungen sahen vor, die Stellung Vörden mit der 4. Batterie des FlaRakBtl 25 aus Lohne zu belegen. Untersuchungen ergaben jedoch eine zu große Munitionsbelastung aus Zeiten des II. Weltkrieges.
Mit dem kurz darauf folgenden Ende des Kalten Krieges erübrigten sich ohnehin weitere Pläne für FlaRak am Standort Vörden. Die Umzäunung der Anlage wurde entfernt und IFC und LA dem Standortübungsplatz der Briten einverleibt. Im Laufe der Jahre wurden einzelne Bauten abgerissen. Darunter waren das historische Bereitschaftsgebäude aus dem II. Weltkrieg und die Unterkunft der US-Soldaten. Zahlreiche Anlagenteile blieben jedoch stehen, sie zeugen bis heute von der vergangenen Präsenz der Niederländischen Luftwaffe auf der Liegenschaft Vörden.

 Zustand: 
Durch den andauernden Übungsbetrieb auf dem Platz wurden die vorhandenen Bauten der früheren Nike-Stellung in Mitleidenschaft gezogen. Die meisten Bauwerke sind aber zumindest im Ruinenzustand erhalten.

 Zugang: 
Das gesamte Areal ist als militärischer Bereich gekennzeichnet und darf somit nicht betreten werden.

 Hinweis: 
Ein Blick aus der Vogelperspektive auf die Stellungen aus dem Angebot von Google-Maps:
Nike-FlaRak-Stellung Vörden - IFC & GOC
Nike-FlaRak-Stellung Vörden - LA

Eine weitere Website berichtet über die FlaRak-Stellung:
http://www.nikesystem.de/Pages/Niederlande/nl_nike_voerden.htm Englisch

Über die Niederländischen Groepen Geleide Wapens in Deutschland ist ein interessantes Buch erschienen:
Titel: Blazing Skies Niederländisch
Autor: Rinus Nederlof
Verlag: Sdu Uitgevers, Den Haag
ISBN: 90-12-09678-2


10 Pixel = 100 Meter

Diverse Fotos sind als Vorschaubilder bereitgestellt - zum Vergrößern bitte anklicken
Feuerleitstellung - Integrated Fire Control (IFC)
  Die Einfahrt zur ehemaligen IFC wurde durch eine Erdaufschüttung blockiert
  Auf dem Radarwall
In jeder IFC zu finden - der Control Van Connecting Room
  Ein Generatorengebäude
  Das Commercial Power Building für die Stromversorgung aus dem öffentlichen Netz
Das Bereitschaftsgebäude weicht von in deutschen Stellungen gebräuchlichen deutlich ab

Das Groeps Operatiën Centrum (GOC)

Ansicht von der Seite

Blick ins Innere
Das Groeps Operatiën Centrum (GOC) der 1. bzw. 12. GGW
Separates Generatorengebäude zur Stromversorgung und Steuerung des GOC und des HIPAR-Radars Innen die Überbleibsel eines Schaltschrankes Die Fundamentstreifen des großen HIPAR sind noch zu erkennen

Feuerstellung - Launcher Area (LA)
  Abstellhalle für die Feuerwehr der Stellung
  Ein Schutzraum in deutlich abweichender Bauweise. Die Tür ist recht einfach und mit Sichtfenstern versehen.
  Das Innere des Schutzraums
Die Einfahrt zur Launcher Area, links dahinter Trümmer von abgerissenen Gebäuden

Zu den wenigen noch erhaltenen Bauten aus Zeiten des II. Weltkrieges, welche von den Niederländern genutzt wurden, zählt dieser Bunker.

Auch die Löschwasserzisterne ist historisch
  Das Missile Assembly Building für die Montage der Nike-Raketen
  Die Section Charley war ausschließlich mit konventionellen Sprengköpfen bestückt
Das Warhead-Building diente für Wartungsarbeiten an den Sprengköpfen. Aus Sicherheitsgründen war es mir Erdwällen umgeben.

Am Boden ist der Verlauf der zusätzlichen Abzäunung der Secure Area nachvollziehbar
Am Zugang zur nuklear bestückten Secure Area steht das US-Guard-Building

Das Missile Storage Building mit dem Vorfeld für die Launching Ramps

In diesem Gebäude eine Heizung untergebracht, die das Raketenlager anwärmte.
Section Alpha - Blick aus dem Missile Storage Building
  Auch Section Bravo war nuklear bestückt
  Schutzbunker neben dem Vorfeld der Section Bravo
Im Missile Storage Building - hier waren die Nike-Raketen auf Schiebegestellen gelagert
Eingang zum Schutzbunker neben dem Vorfeld Im Inneren waren Geräte untergebracht mit denen die Raketen technisch startklar gemacht wurden An der Rückseite des Bunkers das Generator and Converter Building zur Stromversorgung der Section

Unterkunft des USAAD

Untrügliches Merkmal für die Anwesenheit von US-Soldaten - ein Basketball-Feld
Von der Unterkunft des 509th USAAD zeugt nur noch die Bodenplatte

Quellenangabe:
- Rinus Nederlof: Blazing Skies
- Wilhelm von Spreckelsen, Wolf-Jochen Vesper: Blazing Skies
- Karl-Anweiler: Fahrzeugtypenkatalog der Bundeswehr - Nike-Ajax / Nike-Hercules
- R. Goerigk: http://www.nikesystem.de/Pages/Niederlande/nl_nike_voerden.htm

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