Bis
1945:
Für die Unterbringung von Kriegsgefangenen baute die Wehrmacht im
gesamten damaligen Reichsgebiet zahlreiche Gefangenenlager auf. Die beiden
hauptsächlichen Lagertypen waren Mannschaftsstammlager (Stalag)
und Offizierslager (Oflag). Im norddeutschen Wehrbereich X, Sitz in Hamburg,
sind drei Oflag eingerichtet worden, das Oflag X A in Sandbostel,
X B in Nienburg und X C in Lübeck.
1936 wurde in Nienburg am damaligen Stadtrand die neue Mudra-Kaserne
fertiggestellt. In ihr hat man das Pionierbataillon 22 der Wehrmacht
einquartiert. Zu Beginn des II. Weltkrieges ist der Verband an die
Front verlegt worden, die Kaserne stand danach weitgehend leer.
Gleich nach Beginn des II. Weltkrieges wurden die Unterkunftsblocks
der Mudra-Kaserne mit gut 1.000 gefangenen Offizieren der Polnischen
Armee belegt. Die Einquartierung in der Kaserne sollte nur eine vorübergehende
Maßnahme sein. Unmittelbar östlich hinter der Kaserne befand
sich eine unbebaute Freifläche, auf der man Anfang 1940 ein Barackenlager
errichtete.
Zur Unterbringung der Gefangenen sind auf der nördlichen Seite
der Ziegelkampstraße sieben Baracken gebaut worden. Die Gebäude
1-6 wurden in massiver Bauweise ausgeführt, Nr. 7 in hölzerner.
Auf der südlichen Seite entstanden die Offiziers-Unterkünfte
9-11. In Baracke 8 quartierte man die Ordonnanzen ein. In diesem Lagerbereich
befanden sich auch Küche und Kantine. In den Unterkunftsbaracken
waren einzelne Stuben eingerichtet, die mit jeweils 8-12 Mann belegt
wurden.
Am Westrand des Südteiles wurde das Vorlager eingerichtet. Darin
standen die zwei massiven Bauten des Krankenreviers. Auch ein Duschhaus
zur Entlausung sowie der Arrestbau befanden sich in diesem Bereich.
Nienburg sollte auch Standort eines Mannschaftsstammlagers werden.
Zwischen Frühjahr und Sommer 1940 entstand nördlich des Oflag
das Stalag X C. Nach den Stalags X A in Schleswig und X B in Sandbostel war
es das dritte Kriegsgefangenenlager für Mannschaften im Wehrbereich
X.
Das Stalag X C wies weniger als die Hälfte der Grundfläche
das Oflag auf. Auf dem Areal wurden sechs Unterkunftsbaracken aufgestellt.
Dazu kamen Häuser für Küche, Krankenrevier, Magazin
und Post sowie zwei Arrestbaracken. Nur ein Arrestbau wurde massiv
aus Stein errichtet, alle anderen Baracken waren in Holzbauweise ausgeführt.
Im Vergleich zum Oflag mußten in den deutlich kleineren Unterkünften
mehr Soldaten leben. Jeder Bau hatte 10-12 einzelne Schlafräume,
die mit insgesamt rund 160-200 Kriegsgefangenen belegt wurden.
Eine Verbindung zwischen Stalag und Oflag war nicht vorhanden, und
auch nicht gewünscht. Zwischen beiden verlief ein öffentlicher
Weg, die damalige Breslauer Straße.
Ein drittes Barackenlager ist zeitgleich südlich der Mudra-Kaserne
aufgebaut worden. Dort hat man rund 20 Häuser errichtet. In diesem
Teil kamen die Lagerverwaltung und die Wachmannschaften unter. Aus
Platzmangel sind Teile der Verwaltung des Stalag in weitere angemietete
Objekte im Nienburger Stadtgebiet ausgelagert worden.
Anfang Mai 1940 nahm das neu errichtete Oflag X C seinen Betrieb auf.
Darin wurden bis zum Kriegsende überwiegend französische
Offiziere festgehalten. Die anfangs in der Mudra-Kaserne untergebrachten
polnischen Offiziere hatte man bis März 1940 in ein Zweiglager
des Oflag X A nach Itzehoe in Schleswig-Holstein verlegt. In Nienburg
waren in der Regel 1.500-2.000 Soldaten im Oflag. Die Zeit der Gefangenschaft
konnten die Offiziere unter anderem mit Sport, Theater und musizieren überbrücken.
Im Juni 1941 gelang 13 französischen Offizieren die Flucht aus
dem Lager durch einen Tunnel, den sie von der östlichsten Baracke über
50 m unter dem Zaun hindurch gegraben hatten. Zwei der Fliehenden schafften
es bis in ihre Heimat, die anderen wurden schon nach kurzer Zeit wieder
aufgegriffen. Als Gegenmaßnahme ließ daraufhin der Lagerkommandant
einen 3,5 m tiefen Graben entlang des Zaunes innerhalb des Oflag ausheben.
Im August 1941 wurden die Baracken 1 und 2 nach Ziehen eines neuen
Zaunes dem Vorlager zugeschlagen. Damit konnte das Krankenrevier erheblich
vergrößert werden.
Am Abend des 4. Februar 1945 befanden sich britische Lancaster-Bomber
auf dem Rückflug von einem Angriff auf Hannover über Nienburg.
Darunter war eine beschädigte Maschine, die ihre Bombenlast in
Hannover noch nicht abgeworfen hatte. Diese Maschine wurde über
Nienburg durch Flak weiter angeschossen. Sie drehte Richtung Weser
ab und warf dabei ihre Bombenlast. Eine Bombe schlug in der Südostecke
des Oflag ein. Drei Baracken wurden dabei zerstört. 98 Kriegsgefangene
kamen ums Leben, zahlreiche weitere sind verletzt worden.
Das Stalag X C konnte im Sommer 1940 die ersten Gefangenen aufnehmen.
Anfangs waren auch im Mannschaftsstammlager hauptsächlich Franzosen
einquartiert. Dazu kamen im Laufe der Zeit Polen, Belgier, Rumänen
und Serben. Ab Dezember 1943 befanden sich auch italienische Soldaten
in Nienburg. Auch aus der Sowjetunion waren hier Kriegsgefangene. Diese
hat man in der östlichsten Baracke untergebracht. Um sie von den
anderen Nationen zu isolieren, wurde das Gebäude durch einen zusätzlichen
Stacheldrahtzaun abgeschirmt.
Das Stalag X C war für die hohe Zahl von 35.000-45.000 Gefangenen
zuständig. Das Nienburger Lager hatte man allerdings nur mit rund
500-1.000 Mann belegt. Der absolut überwiegende Teil ist auf viele
hundert Arbeitskommandos im ganzen Weser-Ems-Gebiet verteilt gewesen.
Darunter waren Kommandos, die in der Landwirtschaft eingesetzt wurden,
andere in gewerblichen Betrieben und weitere in der Rüstungsindustrie.
Das Stalag X C hatte keine Aufnahmefunktion für Kriegsgefangene.
Daher wurden die Arbeitskommandos bereits in den aufnehmenden Stalags Sandbostel und Wietzendorf zusammengestellt,
an die Zielort überführt und dann dem Nienburger Lager verwaltungsmäßig übergeben.
Die Versorgungslage im Stalag Nienburg war je nach Nationalität
unterschiedlich. Gefangenen, die Pakete aus ihrer Heimat empfangen
konnten, erging es am Besten. Die Soldaten der Roten Armee standen
in der Hierarchie ganz unten und erhielten die schlechteste Versorgung.
Kriegsgefangene, die in der Landwirtschaft eingesetzt waren, hatten
meist eine vergleichsweise gute Ernährungslage.
Zum Kriegsende wurden Oflag und Stalag zum Großteil evakuiert.
Alle marschfähigen Offiziere und Mannschaften zogen am 5. April
1945 per Fußmarsch zum Lager Wietzendorf. Dort trafen sie am
9. April ein. Die nicht mehr zu verlegenden Soldaten blieben in Nienburg.
Die deutsche Verwaltung übergab die Schlüssel an den französischen
Lagerältesten des Oflag. Verbände der British Army nahmen
Nienburg am 9. April ohne Gegenwehr ein und befreiten die Kriegsgefangenen.
Ab 1945:
Sobald die in Nienburg verbliebenen Kriegsgefangenen genesen waren,
konnten sie in ihre Heimatländer zurückkehren. In das nun
leerstehende Oflag wies man Heimatvertriebene und Flüchtlinge
ein. Auch der Verwaltungsbereich wurde dafür herangezogen, er
bekam die Bezeichnung "Churchill Camp". Bis in die 1960er
Jahre dauerte die Nutzung der Behelfsunterkünfte an.
Die Baracken des Stalag sind nach einiger Zeit abgerissen worden. Dieser
Bereich wurde nach einiger Zeit in das Gelände der Mudra-Kaserne
integriert.
Später übernahm die Bundeswehr das Gebiet des Oflag. Das
Gelände wurde inzwischen durch die Ziegelkampstraße in zwei
Bereiche zerschnitten. Im nördlichen Teil nutzte die Bundeswehr
Bauten zur Unterbringung einer Fachschulkompanie. Weitere Gebäude
in diesem und in dem südlichen Teil verwendete die Standortverwaltung.
Heute wird nur noch der nördliche Bereich von der Bundeswehr genutzt.
Auf dem Südlichen entstanden erst in den letzten Jahren diverse
neue Wohnhäuser.
Auf dem Grund des Verwaltungsbereiches bzw. dem "Churchill Camp" wichen
die Baracken nach und nach neuen Bauwerken von Handels- und Gewerbebetrieben.
Die Mudra-Kaserne wurde schon kurz nach Ende des II. Weltkrieges von
der Britischen Armee bezogen. Sie brachte darin Truppenteile unter,
zunächst als Besatzungsstreitkräfte, später als NATO-Partner.
Bereits ab 1950 war das 21 Field Engineer Regiment in Nienburg stationiert.
Dessen Bezeichnung wandelte sich ein paarmal, zuletzt blieb es bei
21 Engineer Regiment. Der Verband war als Divisionstruppe der 1st Armoured
Division aus Verden unterstellt. In den 1950er Jahren lag außerdem
das 25th Medium Regiment (Royal Artillery) in der Mudra-Kaserne.
Im Jahre 1996 endete die lange Anwesenheitsdauer der Britischen Streitkräfte
in Nienburg. Die Kaserne wurde aufgegeben. Die meisten der Kasernengebäude
sind abgerissen worden, verbliebene nutzt u.a. die Polizei. Auf freigeräumten
Flächen entstehen nach und nach neue Einrichtungen, darunter ein
Krankenhaus. Auf einer Teilfläche des früheren Stalag ist
ein Parkplatz angelegt worden.
Zustand:
Heute sind vom früheren Oflag X B sechs Unterkunftsbaracken sowie
weitere kleine Bauten erhalten. Vom Stalag X C und dem Verwaltungsbereich
sind dagegen keine Spuren mehr erkennbar.
Zugang:
Der Bereich mit den erhaltenen Baracken des Oflag
ist nicht zugänglich. Die übrigen Flächen können
begangen werden, ausgenommen die diversen Privatgrundstücke.
Hinweis:
Diese Web-Seite informiert über die Arbeitskommandos des Stalag
X C:
http://www.bunkermuseum.de/fremdarbeiter_1/sonnenberg.htm
Ein Buch über die Nienburger Kriegsgefangenenlager ist erschienen:
Titel: Gefangen hinter Stacheldraht
Autor: Hans-Jürgen Sonnenberg
Verlag: Museumsverein für die Grafschaften Hoya, Diepholz und Wölpe
e.V., Nienburg
ISBN: ISBN 3-9808770-0-0 |
Blick
aus der Vogelperspektive mit Google Maps:
Fotos:
Stalag X C:

Das Bild wurde etwa am Standort des Tores zum Stalag aufgenommen. Am
rechten Bildrand verlief seinerzeit die Breslauer Straße.

In der Blickrichtung standen die Baracken des Stalag X C
Oflag X B:

In Blickrichtung befand sich früher das Haupttor des Oflag X B

Nördlich der Ziegelkampstraße stehen noch sechs historische
Unterkunftsbaracken des Oflag

Baracke Nr. 2 wurde im August 1941 dem Sanitätsbereich zugeschlagen

Diesen Gedenkstein stellten ehemalige französische Kriegsgefangene
auf

In den Mannschaftsblocks der Mudra-Kaserne waren anfangs polnische
Offiziere einquartiert. Der abgebildete Block steht heute nicht mehr.
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