Bis 1945:
Die Entscheidung, in Stade einen Fliegerhorst aufzubauen, fiel bereits
am Ende des Jahres 1934. Zunächst als ziviles Bauvorhaben
getarnt, erfolgte im April 1935 der Beginn der Arbeiten. Schon
Ende Oktober waren die ersten Unterkünfte im Westteil der
Kaserne bezugsfertig, die neu aufgestellte Fliegerersatzabteilung
47 bezog als erste Einheit die Blocks.
Die nötige Infrastruktur wurde beständig ausgebaut. Es entstanden
unter anderem Heizwerk, Wasserwerk, Wirtschaftsgebäude und für
repräsentative Zwecke das Teehaus mit kleinem Park davor. Vom
ersten Kommandanten wurde Wert auf eine gärtnerische Gestaltung
der gesamten Anlage gelegt. In Teilbereichen sind noch in der Gegenwart
die dabei angepflanzten Obstbäume zu finden. Im Flugbetriebsbereich
sind die Flugleitung und die ersten Flugzeughallen errichtet worden.
Das Rollfeld war in dieser Ausbaustufe noch mit Grasnarbe angelegt.
Anfang 1936 soll der Flugbetrieb in Stade aufgenommen worden sein.
Am 1. Oktober 1937 verlegte die Flugzeugführerschule C-6 von Ludwigslust
auf den hiesigen Fliegerhorst. Sie blieb bis zum Kriegsbeginn der Hauptnutzer
der Anlage. Mit ihr kamen mehrmotorige Flugzeuge der Typen Junkers
Ju 52 und Ju 86, Dornier Do 17 sowie Focke-Wulf Fw 56 und Fw 58 auf
den Platz. Die Schulmaschinen wurden hauptsächlich in der heute
noch vorhandenen "Kleinen Flugzeughalle" neben der Flugleitung
abgestellt.
Ebenfalls 1937 traf das Reichsluftfahrtministerium die Entscheidung,
den Fliegerhorst Stade zum Leithorst auszubauen. Dafür folgten
diverse Ausbaumaßnahmen auf dem Gelände. Östlich an
den bisherigen Unterkunftsbereich anschließend, wurde der Luftnachrichtenbereich
und ein ausgedehnter Bereich für die Kraftfahrerabteilung gebaut.
Anfang 1938 wurde mit dem Bau einer großen Flugwerft am Ostrand
begonnen. Damit reichte der Fliegerhorst bis an die Straße Stade-Hamburg
heran. Auch das Flugfeld ist nach Süden und Osten erweitert worden.
Es sollten nun auch drei betonierte Startbahnen als Triangel gebaut
werden, zunächst begann man mit der östlichen 1200 m langen
Startbahn II.
Gleich nach Beginn des II. Weltkrieges verlegte die Flugzeugführerschule
aus Sicherheitsgründen nach Burg bei Magdeburg. In Stade wurde
statt ihrer die Flieger-Technische Schule 2 einquartiert. Der Flugplatz
führte im Krieg den Tarnnamen "Staatsmann". Im November
1939 befanden sich erstmalig für einige Wochen Nachtjäger
auf dem Platz. Im April 1940 erfolgte der Lufttransport von Fallschirm-
und Gebirgsjägern ab Stade zur Besetzung Skandinaviens. In der
folgenden Zeit war der Platz vorübergehend mit verschiedenen Jagd-
und Zerstörerverbänden belegt.
Eine Dauerfunktion stellte sich ab dem 1. Juli 1941 ein. An diesem
Tag traf die II. Gruppe des Nachtjagdgeschwaders 1 von Schleswig kommend
in Stade ein. Damit wurde Stade wichtiger Stützpunkt der Nachtjagd.
Es blieben bis Kriegsende verschiedene Nachtjagd-Verbände stationiert.
Nun wurde im Westen die nächste betonierte Startbahn III mit 1000
m Länge angelegt. Die nördliche Startbahn I ist zwar begonnen,
aber nie vollendet worden. Die fertiggestellten Bahnen wurden mit Beleuchtung
und Funksignal-Sendern nachtflugtauglich gemacht.
In der zweiten Hälfte des Krieges sind zum Schutz und zur Tarnung
der Einsatzmaschinen Splitterboxen südlich und südöstlich
des Fliegerhorstes errichtet worden. Selbst der Geschwaderstab der
Nachtjäger zog in ein Barackenlager südlich von Agathenburg.
Die Maßnahmen waren nicht unbegründet, am 22. April 1944
fand ein gezielter Angriff durch Jäger der US-Airforce auf den
Platz statt. Es folgten weitere Angriffe, bei denen es teilweise auch
zu umfangreicheren Schäden an den Einrichtungen kam.
Am 18. April 1945 verließen die letzten fliegenden Einheiten
den Platz Richtung Uetersen. Zurückgebliebene flugunfähige
Maschinen wurden gesprengt. Auch die Startbahnen sind stellenweise
zerstört worden. Am 1. Mai besetzten Truppen der British Army
den Fliegerhorst Stade und beendeten den II. Weltkrieg für die
Anlage.
Ab 1945:
Von den Alliierten wurde der Flugplatz als Sammelpunkt genutzt. Die
vorhandenen Anlagen sind abgebaut und abtransportiert bzw. entsorgt
worden. Am Ende der 1940er Jahre sprengten die Briten schließlich
die Startbahnen und ließen sie vollständig abräumen.
Am 1. Januar 1951 wurde der ehemalige Fliegerhorst wieder an die
deutschen Behörden übergeben.
In der Nachkriegszeit sind zahlreiche Bauwerke mit Vertriebenen belegt
worden. 1956 übernahm die gerade aufgestellte Bundeswehr erste
Teilbereiche der Liegenschaft. Das ehemalige Flugfeld wurde zum Standortübungsplatz.
An seinem Südrand nutzt bis heute ein Luftsportverein eine Teilfläche
als Sportflugplatz.
Zunächst ist Stade wieder als Luftwaffengarnison aufgebaut worden,
das Luftwaffen-Ausbildungsregiment 2 war der erste Nutzer. Ab 1963
folgten verschiedene Heeres-Truppenteile. So ist nach Auszug der zivilen
Bewohner schrittweise wieder fast der gesamte ehemalige Kasernenbereich
in militärische Verwendung übergegangen. Nur der Teil der
früheren Flugwerft im Osten ist zu einem Betriebsgelände
umgebaut worden. Seit 1959 beherbergt es ein Zweigwerk der Hamburger
Flugzeugbau, heute Teil der DASA.
1966 erhielt die Kasernenanlage den Namen Von-Goeben-Kaserne. Die Garnison
entwickelte sich zu einem wichtigen Standort für die 3. PzDiv
aus Buxtehude. Teile des Artillerieregiments 3 sowie Pioniere und Logistik-Verbände
waren hier stationiert. Im Jahre 1994 wurde der Standort im Rahmen
der Truppenreduzierung der Bundeswehr komplett aufgegeben und die Kaserne
freigezogen.
Heute entsteht aus der Liegenschaft der neue Stader Stadtteil Ottenbeck,
in dem Wohn- und Gewerbebereiche eingerichtet sind. Der vormalige Standortübungsplatz
ist als Natur-Refugium ausgewiesen.
Zustand:
Diverse Unterkunfts- und Betriebsgebäude aus den dreißiger
Jahren sind heute in gutem und weitgehend originalem Zustand erhalten.
Das Gesamtbild des Fliegerhorstes wird sich aber in der nächsten
Zeit weiter verändern. Sicherlich werden noch einige weitere historische
Bauwerke abgerissen, um Platz für Neubauten zu schaffen.
Zugang:
Die Areal der früheren Kaserne ist zugänglich, ausgenommen
die Privat- und Betriebsgrundstücke. Das Werksgelände der
DASA ist nicht zu betreten. Der größte Teil des ehemaligen
Flugfeldes ist als Natur-Refugium ausgewiesen und darf nur auf einzelnen
Wegen begangen werden.
Hinweis:
Ein Blick aus der Vogelperspektive auf den Fliegerhorst aus dem Angebot
von Google-Maps:
Fliegerhorst
Stade
Dieses Buch beschreibt den Fliegerhorst Stade in allen Einzelheiten:
Titel: Nachtjäger vor den Toren Hamburgs
Autor: Dietrich Alsdorf
Verlag: VDM Heinz Nickel, Zweibrücken
ISBN: 3-925480-57-9