Bis 1945:
Bad Eilsen ist ein Kurort mit langer Tradition. Bereits 1802 wurde
das Heilbad eröffnet. Insbesondere nach dem I. Weltkrieg erlebte
der Ort seine Blütezeit. Doch mit dem II. Weltkrieg folgte
ein schlagartiger Niedergang, der deutlich länger als der
Krieg andauern sollte.
Schon im Herbst 1939 wurde der Kurbetrieb eingeschränkt.
In den Kurheimen, Hotels und Pensionen brachte man Alte, Kranke und
auch Schwangere unter, die aus dem Gebiet nahe der Grenze zu Belgien
kamen. Die großen Kurhäuser sind von Lazaretteinheiten übernommen
worden. Schließlich wurde am 1. August 1941 das gesamte Kurzentrum
mit allen Gebäuden vom Reichsluftfahrtministerium beschlagnahmt.
Den bremer Flugzeugbaukonzern Focke-Wulf sah
man aufgrund seiner Lage in Nordwestdeutschland besonders gefährdet,
ein Umstand der sich bei vielen Bombenangriffen auf die Stadt Bremen
bewahrheiten sollte. Verschiedene Teile des Werks sollten nun in ruhigere
Gegenden verlegt werden. Den Serienbau siedelte man nach Ostdeutschland
und Polen um, in Cottbus, Sorau, Marienburg und Posen waren die Produktionsstandorte.
Der besonders wichtige Bereich der Konzernführung mit der Entwicklung
blieb jedoch im Nordwesten. In Bremen verblieb hauptsächlich die
Kaufmännische Verwaltung. Auf verschiedenen Fliegerhorsten wurden
Außenstellen eingerichtet. Der Musterbau zog nach Delmenhorst-Adelheide,
in Detmold war die Zellenentwicklung und in Langenhagen fand
die Flugerprobung statt.
Auf halber Strecke zwischen Detmold und Langenhagen befindet
sich Bad Eilsen, somit günstig gelegen, um hier die Entwicklung
unterzubringen. Der Chefentwickler Professor Dr. Kurt Tank zog mit
der gesamten Technischen Direktion, rund 2.000 Mitarbeiter, nun in
den Kurort um.
Für den Betrieb mußten diverse Veränderungen in den
vorhandenen Kuranlagen umgesetzt werden. Zusätzlich entstanden
etwa 20 große Holzbaracken im Kurpark und auf umliegenden Freiflächen.
Für den Luftschutz baute man Splitterschutzgräben und Feuerlöschteiche.
Das Personal von Focke-Wulf bestand hauptsächlich aus Ingenieuren,
Technikern, Zeichnern und Mathematikern sowie Sekretärinnen. Für
diese Kräfte wurde Wohnraum in den Pensionen und Heimen des Kurortes
angemietet.
Die Technische Direktion bestand aus zahlreichen Abteilungen, die wichtigsten
davon in Bad Eilsen waren auf dem technischen Gebiet: Entwurfs-Abteilung,
Konstruktions-Büro und Vorrichtungs-Konstruktions-Büro. Daneben
gab es den Technischen Außendienst, dieser hielt alle Kontakte
außerhalb des Konzern. Er war Ansprechpartner für das Reichsluftfahrtministerium
sowie für Zulieferer, z.B. Motorenhersteller. Für die administrativen
Aufgaben waren die Hauptverwaltung sowie Zeichnungs-Verwaltung mit
der Lichtpauserei zuständig. Schließlich gab es in einer
Baracke im Kurpark sogar eine Lehrlingswerkstatt.
Neben dem deutschen Personal waren auch Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter
aus der Sowjetunion für einfache Tätigkeiten eingesetzt.
Auf einer Wiese, nördlich vom Ortskern abgesetzt gelegen, standen
zwei Baracken in denen sie untergebracht waren.
Untertageverlagerung "Disthen":
Noch vor dem I. Weltkrieg ist am Südrand des Dorfes Ahnsen mit
dem Abbau von Steinkohle begonnen worden. Am Nordosthang des Berges
Harrl befand sich ein Steinbruch. Von dort ausgehend ist ein Abbaustollen
in den Berg getrieben worden. Er führte Richtung Süden und
erreichte nach rund 200 m bereits wieder Tageslicht. Hier wurde unmittelbar
neben dem Gleis der Bad Eilsener Kleinbahn ein weiteres Stollenmundloch
befestigt. Der Kohleabbau ist schon 1925 wegen fehlender Nachfrage
eingestellt worden.
Im III. Reich hat man vor und verstärkt während des II. Weltkrieges
ungenutzte Bergstollen zur Auslagerung von Magazinen und Fertigungsbetrieben
herangezogen. Hier war man vor der Bedrohung durch alliierte Bomberflotten
weitgehend sicher.
Daher sollte nun auch der Harrlstollen in die Verlagerung von Focke-Wulf
einbezogen werden. Am Nordrand von Bad Eilsen brachte man die Zeichnungs-Verwaltung
unter. Nur ein kurzes Stück weiter lag das südliche Mundloch
des Stollens. Dieses wurde nun mit einem massiven Vorbau abgesichert.
Im Stollen kam auf lediglich 300 m² Nutzfläche die Lichtpauserei-Abteilung
unter. Das Objekt erhielt die Tarnbezeichnung "Disthen".
Auch im weiteren Umfeld vom Bad Eilsen sind weitere Einrichtungen
von Focke-Wulf angesiedelt worden, oder man hatte zumindest mit den
Planungen dafür begonnen. Im Dorf Kirchhorsten, gut 7 km nordöstlich
gelegen, wurde ein Windkanal aufgebaut. Keine 5 km südwestlich
sollte eine unterirdische Produktionsstätte entstehen. Im Eisenbergwerk
Wohlverwahrt bei Kleinenbremen befand sich die Untertageverlagerung "Elritze" in
den Abschnitten I - IV im Bau. Darin hatte man die Fertigung von
Flugzeugzellen und -teilen für den Jäger Focke-Wulf FW
190 vorgesehen. Die Anlage ist bis zum Ende des II. Weltkrieges jedoch
nicht mehr in Betrieb gegangen.
Während der Nutzungszeit von Bad Eilsen gab es nur vereinzelte
Bombenangriffe auf den Ort. Somit ging die Rechnung auf, die Technische
Direktion von Focke-Wulf war hier recht geschützt untergebracht.
Bad Eilsen wurde am 8. April 1945 von Verbänden der 84th Infantry
Division der US-Army eingenommen. Der II. Weltkrieg endete damit für
den alten Kurort, nicht jedoch die Zweckentfremdung der Anlagen.
Ab 1945:
Die Alliierten waren natürlich sehr an deutscher Technologie interessiert.
So widmeten sie dementsprechend viel Aufmerksamkeit den Wissenschaftlern
von Focke-Wulf und deren Einrichtungen in Bad Eilsen. Vom 14. bis 28.
April 1945 wurde vom Combined Intelligence Objectives Sub-Committee
(CIOS) eine gründliche Bestandsaufnahme der Technischen Direktion
durchgeführt. Daran schloß sich bis 10. Juni eine Sichtung
der neuartigen Lichtpaus-Verfahren in der Zeichnungs-Verwaltung an.
Das Komitee bestand aus Briten und US-Amerikanern.
Das Schlüsselpersonal von Focke-Wulf wurde weitgehend vollzählig
in Bad Eilsen angetroffen. Auch die Dokumentationen waren vollständig
erhalten. Die Deutschen hatten versucht, die Dokumente vor einem Zugriff
zu schützen, indem sie diese im Badehotel einmauerten. Sie gaben
auf Druck des CIOS jedoch schnell den Widerstand auf und legten alles
frei. So fiel den Alliierten in Bad Eilsen die umfangreichste und vollständigste
Sammlung technischer Dokumentationen der Luftfahrtindustrie überhaupt
in die Hände.
Das Personal von Focke-Wulf wurde nach den Inspektionen nicht mehr
in Bad Eilsen benötigt. Know-how-Träger, wie Professor Tank,
brachten die Briten bald nach Großbritannien, um dort weiter
auf ihr Wissen zuzugreifen. Die übrigen Kräfte verließen
größtenteils den Ort.
Bad Eilsen konnten nun aber nicht versuchen, an alten Zeiten
als Kurort anzuknüpfen. Die Royal Air Force hatte im Ort nach
der Besetzung zunächst die "2nd Tactical Air Force (TAF)
Front" stationiert, der Teil "2nd TAF Rear" lag zur
gleichen Zeit in Bückeburg. Am 15. Juli 1945 wurden beide Teile
in Bad Eilsen zur "British Air Force of Occupation" (BAFO)
vereinigt. Mit der Zusammenlegung entstand erheblich größerer
Platzbedarf. Daher beschlagnahmte man weite Teile des Ortes, in weitaus
größerem Umfang als es vorher das Reichsluftfahrtministerium
getan hatte.
70 bis 80 Prozent des gesamten in Bad Eilsen vorhandenen Wohnraums
wurde von den Briten belegt. Die Soldaten holten nun auch ihre Familien
hier her. In den Funktionsgebäuden hat man Umbauten für die
neuen Anforderungen durchgeführt. Dadurch wurde die alte Substanz
für den Kurbetrieb überwiegend endgültig unbrauchbar
gemacht.
Der Stab nutzte fortan das Badehotel als Dienstsitz - wie es zuvor
schon Focke-Wulf getan hatte. Im alten Kurmittelhaus brachte man die
Zentrale zur Überwachung des Luftverkehrs im norddeutschen Luftraum
unter. Der Fürstenhof diente den höheren Offizieren als Wohnheim
und Kasino. Im Kurpark ist eine große Fläche als Exerzierplatz
zementiert worden.
Was ist ein Luftwaffen-Hauptquartier ohne Flugplatz? In unmittelbarer
Nähe war aber kein Fliegerhorst der deutschen Luftwaffe angesiedelt.
So wurde auf einem bereits von den Deutschen als Flugfeld vermessenen
Gelände bei Achum, 4 km nördlich
gelegen, ein neuer Flugplatz angelegt. 1946 konnte dort der Flugbetrieb
aufgenommen werden.
Parallelen gab es zum 20 km westlich liegenden Kurort Bad
Oeynhausen. Auch dieser wurde vom Militär beschlagnahmt. Dort
siedelte sich das Hauptquartier der British Army unter Feldmarschall
Montgomery an. Als Wohnsitz für Montgomery ist das Gut Rickbruch
im Extertal beschlagnahmt worden, rund 14 km südlich von Bad
Eilsen gelegen.
Ab Juni 1945 war Sir Sholto Douglas der Oberkommandierende
der Royal Air Force in Deutschland. Er wurde im Januar 1946 zum Nachfolger
von Montgomery ernannt und war fortan der Vertreter der britischen
Regierung im Alliierten Kontrollrat. Er übernahm auch den Wohnsitz
Gut Ricklingen. Täglich pendelte er mit einer Eskorte zwischen
dem Gut und Bad Eilsen.
Seine Aufgabe war zum einen die Ahndung von Verbrechen der Nationalsozialisten;
er unterschrieb auch das Todesurteil für Hermann Göring.
Zum anderen mußte er mit den Deutschen das politische und wirtschaftliche
Leben in der Britischen Besatzungszone neu aufbauen. Am 23. November
1946 segnete er die Gründung des neuen Bundeslandes Niedersachsen
ab.
Die Royal Air Force in Bad Eilsen erfuhr in den folgenden
Jahren einige Veränderungen. Sie hatte ca. 1949 einen Kasernenkomplex
errichtet. Dadurch konnten Zivilwohnungen freigegeben werden. Ab
1951 wurde in kleinen Schritten das Leben im Ort weiter zivilisiert.
Nach langwierigem Drängen von Seiten des Bückeburger Fürstenhauses
und ortsansässiger Honoratioren ist ab 17. März des Jahres
das Erdgeschoß des Kurmittelhauses zur Abgabe von Bädern
freigegeben worden. Im Sommer konnten erste Kuren durchgeführt
werden.
Im September 1951 wurde die BAFO wieder in 2nd TAF umbenannt. Bereits
im nächsten Jahr wechselte die Bezeichnung in 2nd Allied Tactical
Air Force (ATAF). Inzwischen hatte sich der Ost-West-Konflikt verhärtet,
die NATO ist 1949 gegründet worden. Das Militär mußte
sich nun auf eine dauerhafte Präsens in Deutschland einstellen.
Die Lage der Hauptquartiere in Bad Eilsen und Bad Oeynhausen war mit
nur gut 100 km Abstand zur innerdeutschen Grenze recht ungünstig.
So erfolgte 1954 die Verlegung der beiden Stäbe in den Mönchengladbacher
Stadtteil Rheindahlen. Die 2nd ATAF wurde ein NATO-Stab mit unterstellten
Luftwaffenverbänden aus Großbritannien, Niederlande, Belgien
und ab 1956 auch der Bundesrepublik. Der britische Anteil bildete ab
1.1.1959 zusätzlich das Kommando Royal Air Force Germany (RAFG).
Nach dem endgültigen Abzug der letzten britischen Soldaten
im Jahr 1955 konnte endlich der Wiederaufbau der alten Kureinrichtungen
vorangetrieben werden. Der damalige Eigentümer, Fürst Wolrad
zu Schaumburg-Lippe, vermochte den Aufbau jedoch nicht allein zu
bewältigen. So kaufte die Landesversicherungsanstalt Hannover das
Bad, es läuft nun unter der Bezeichnung Rehazentrum Eilsen.
Es gab jedoch auch nach Abzug der Briten noch für einige Zeit
eine kleinere militärische Nutzung. Die Kaserne übernahm die gerade
aufgestellten Bundeswehr. Zunächst wurde dort am 3. September 1956
das Sanitätsbataillon 3 der 3.
Panzerdivision aufgestellt. Doch bereits am 1. Mai des Folgejahres
ist der Verband als SanBtl 1 der damaligen 1.
Grenadierdivision unterstellt worden. Von dieser Division wurde
in Bad Eilsen auch die Quartiermeisterkompanie 1 aufgestellt. Diese
Truppen der ersten Stunde verließen jedoch bald wieder den Ort. Ein
anderes Sanitätsbataillon verblieb bis 1970 hier. Danach war die
militärische Geschichte von Bad Eilsen endgültig beendet.
In den Notzeit nach Ende des II. Weltkrieges wurde an diversen
Stellen der Bergbau wieder aufgenommen, um Kohle zu fördern.
Auch der Harrl-Stollen wurde auf seine Eignung dafür inspiziert.
1947 wurde berichtet, daß die Anlage durch Wasserzufluß nicht
mehr nutzbar ist. So folgte für die ehemalige Anlage "Disthen" keine
Bergbau-Nutzung mehr. Irgendwann wurde der Stollen als Fledermaus-Quartier
hergerichtet. Das Mundloch ist verschlossen worden, nur eine kleine Öffnung
ermöglicht das Einfliegen.
Zustand:
Im Umfeld des Kurparks stehen mehrere Bauten, die sowohl von Focke-Wulf,
als auch später von der Royal Air Force benutzt worden sind.
Die provisorischen Baracken sind sämtlich verschwunden. Im
Bereich der Zeichnungs-Verwaltung sind einige Reste zu finden.
Von der nach dem Krieg errichteten Kaserne sind nur noch drei Gebäude
erhalten.
Zugang:
Die meisten hier vorgestellten Bereiche sind frei zugänglich,
Privatgrundstücke natürlich ausgenommen. Die
U-Verlagerung "Disthen" kann nicht betreten werden.
Hinweis:
Ein Blick aus der Vogelperspektive auf den Ort aus dem Angebot von
Google-Maps:
Bad
Eilsen
Auf den Seiten des Bad Eilser Tennisclubs wird kurz auf die
Historie eingegangen:
http://www.tc-bad-eilsen.de/historisches.htm
Dieses Web zeigt einige Konstruktionen von Focke-Wulf,
die überwiegend in Bad Eilsen entwickelt worden sind:
http://www.luft46.com/fw/fw.html
Homepage der Veteranen-Vereinigung der Briten:
http://www.badeilsen.org.uk