Relikte
des Kalten Krieges:
Grundsätzliches über die Elemente und das Zusammenwirken im
NATO-Luftverteidigungsgürtel ist auf der Themenseite nachzulesen.
Über die Verbände und Stellungen des FlaRak-Systems Nike sowie die
Entwicklung dieser Waffe berichtet eine weitere
Seite.
Die neu errichtete FlaRak-Stellung Ristedt wurde im März 1973
von der 4. Batterie des FlaRak-Bataillon 24 übernommen. Die Vorgeschichte
dieser Einheit in der temporären Stellung Delmenhorst-Adelheide
ist auf einer weiteren Seite nachzulesen.
Syke kann als "FlaRak-Stadt" bezeichnet werden. Nirgendwo
kamen die Systeme Nike und Hawk einander
so nahe. Nur 10 km südwestlich von Ristedt lag die Hawk-Stellung
Wachendorf.
Beim Aufbau des FlaRak-Gürtels Anfang der 1960er Jahre wurde
für jede Stellung ein bestimmtes Gebiet anvisiert. Eines davon
lag westlich der Stadt Syke. Der Standort gehörte zur "1st
Row" des Nike-Gürtels, so wurde die östliche Stellungskette
bezeichnet. 1964 hat man konkretere Baugrunduntersuchungen in diesem
Bereich durchgeführt. Dabei ist für die Feuerleitstellung
eine Fläche nahe dem endgültigen Standort gesichtet worden.
Der Abschußbereich war allerdings zunächst über 4 km
nördlich der späteren Realisierung geplant, zwischen Ristedt
und Melchiorshausen. Der Prozeß der Anwerbung geeigneter Grundflächen
zog sich nun hin. Es stand aber auch noch eine Grundsatzentscheidung
der NATO aus. Ende der 1960er Jahre hatte Frankreich seinen Rückzug
aus den Verteidigungsstrukturen der NATO beschlossen. Damit wurden
auch deren Nike-Stellungen in Baden-Württemberg geräumt.
Einige Zeit überlegte man nun, Teile des FlaRakBtl 24 dorthin
zu verlegen. Letztendlich blieb es aber doch bei den ursprünglichen
Planungen. Die beiden Bereiche bei Ristedt konnten durch die Verzögerungen
erst in den frühen 1970er Jahre errichtet werden, und das an anderer
Stelle als anfangs geplant.
Die Feuerleitstellung wurde an einer sehr gut geeigneten Position gebaut.
Unmittelbar am "Hohen Berg" bot das Gelände mit rund
58 m Höhe beste Fernsicht für die Radargeräte. Der Abschußbereich
war dagegen unvorteilhaft positioniert. Da er westlich der Feuerleitstellung
lag, mußten bei einer potentiellen Hauptangriffsrichtung aus
dem Osten die Raketen "über die Schulter" gelenkt werden.
Das bedeutet, daß die Radargeräte zur Flugkörpersteuerung
im Westen ansetzen mußten, um dann im Überflug nach Osten
zu schwenken. Der Rechenprozeß dafür war erheblich aufwendiger
als bei umgekehrter Anordnung der Stellungsbereiche.
Die Stellung Ristedt wurde im Frühjahr 1973 bezugsfertig. Vom
15. bis 19. März verlegte die 4./FlaRakBtl 24 von der provisorischen
Stellung Adelheide hierher. Unterkunft der Einheit war die Caspari-Kaserne
in Delmenhorst-Deichhorst. Das Personal pendelte zwischen Delmenhorst
und Syke. Die Stellung war im Schichtbetrieb rund um die Uhr mit Soldaten
besetzt.
Eine sehr kleine dauerhafte Garnison gab es in Syke-Leerßen auch.
Unmittelbar vor dem Tor der Feuerleitstellung stand das Unterkunftsgebäude
des Delta-Team vom 51st US Army Artillery Detachment. Dieses Team bestand
aus etwa 30 US-Soldaten. Sie hatten die Schlüsselgewalt über
die in der Feuerstellung vorhandenen Atomsprengköpfe der Nike-Hercules.
Das Team nahm offiziell am 1. Januar 1974 seinen Dienst in Ristedt
auf. In der ersten Zeit mußten zunächst die Voraussetzungen
für die Aufnahme der nuklearen Munition getroffen werden. Für
diese Belegung waren die Sicherheitsbestimmungen der NATO sehr streng.
Am 10. Oktober 1975 trafen schließlich die allgemein als Sondermunition
oder X-Waffen umschriebenen Sprengköpfe in der Feuerstellung ein. Über
die Thematik dieser Atomwaffen in Niedersachsen berichtet eine weitere
Seite.
Zeit des Bestehens der Stellung Ristedt ergaben sich immer wieder Änderungen
der Systeme und Anlagen, die sich teilweise auch in der Infrastruktur
niederschlugen. Ein Beispiel dafür ist der Zulauf von Maschinenkanonen
20 mm-Zwilling im Jahre Dezember 1975, die für die Verteidigung
im Nahbereich genutzt werden sollten. Für sie mußten in
Feuerleitstellung und Abschußbereich Hallen errichtet werden.
Bedeutende Maßnahmen zog ab 1982 das "Long Range Security
Program" (LRSP) nach sich, mit dem die Sicherheitsbestimmungen
für mit Atomwaffen bestückte Einrichtungen weiter verschärft
wurden. Neben den Ausbauten in der Launcher Area wurde die Personalstärke
der Batterie 1984 auf beachtliche 500 Soldaten erhöht.
Zu den einzelnen Teilen der Stellungsbereiche:
Feuerleitstellung / Integrated Fire Control (IFC):
Für die Feuerleitstellung wurde ein gut 4 ha großes Gelände
unmittelbar am "Hohen Berg" bei der Ortschaft Leerßen
gewählt. Hier entstanden diverse Bauten und Anlagen, die für
die ständige Bereitschaft und den Luftabwehrkampf mit dem System
Nike erforderlich waren. Von hier aus wäre der Raketenstart in
der Launcher Area veranlaßt worden.
Herzstück aus technischer Sicht war das Verbindungsgebäude
bzw. "Control Van Connecting Room". An diesen Bau über
Schleusen angedockt, standen die anfangs vier einzelnen Anhänger
mit Kabinenaufbau, in denen die Elektronik des Systems installiert
war. Die Fahrzeuge waren: Kampfführungsanlage, Radarleitstand,
Feuerleitstand und ein Werkstattanhänger. Ein Fernmeldeverbindungswagen
stand dicht daneben.
Das "Auge" der Stellungen waren die diversen Radargeräte.
Um ungehinderte Rundumsicht zu haben, wurde ein Erdwall aufgeschüttet.
Darauf standen auf befestigten Plattformen fest verzurrt die Anhänger
mit den Geräten. In Ristedt waren es von Nord nach Süd: Zielfolgeradar
/ Target Tracking Radar (TTR), Zielentfernungsradar / Target Ranging
Radar (TRR), Rundsuchradar / Low-Power Acquisition Radar (LOPAR) mit
230 km Reichweite und das Raketenführungsradar / Missile Tracking
Radar (MTR). Auf einem separaten Podest neben dem Wall stand außerdem
noch das IFF/SIF-Gerät zur Freund-/Feind-Identifizierung. Im Jahre
1979 wurde die Radarausstattung durch die Integration des großen
Fixed-HIPAR Gerätes ergänzt. HIPAR steht für High-Power
Acqusition Radar. Dessen über 18 m durchmessende ballonförmige
Wetterschutzhülle prägte fortan die Silhouette der IFC. Das
Gerät hatte eine Reichweite von 320 km. Zur Abstimmung der Radargeräte
wurde am Westrand des Geländes ein Radarprüfmast aufgestellt.
Für das Personal stand ein Bereitschaftsgebäude zur Verfügung.
Hierin befanden sich Aufenthalts- und Ruheräume sowie eine Kantine.
Auch das Wachlokal fand dort Platz. Ein großes Generatorengebäude
bot wettergeschützte Unterstellmöglichkeiten für die
Fahrzeuge mit Stromerzeugungsaggregaten. Nach Aufstellen der HIPAR-Technik
mußte ein weiteres kleines Generatorengebäude errichtet
werden. Für die Versorgung aus dem öffentlichen Stromnetz
befand sich eine Transformatorenstation in der Stellung.
Die Anlage wurde komplettiert durch den "HIPAR-Electronic Building",
in dem die Komponenten für das Rundsuchradar abgestellt wurden,
eine Halle für zwei 20 mm-Maschinenkanonen zur Nahbereichsverteidigung
und ein Schleppdach zur Unterstellung von System-Anhängern. Dazu
kamen Einrichtungen wie Richtfunkmast, versenkte Kraftstofftanks, Feuerlöscher-Garage
und eine Box für Bereitschaftsmunition.
Feuerstellung - Launcher Area (LA):
Die Feuerstellung ist deutlich größer als die IFC, sie erstreckt
sich über etwa 14 ha. Einen geeigneten Standort für diesen
Bereich zu finden war nicht einfach. Die Nike-Raketen sind zweistufig
ausgelegt. Die erste Startstufe stürzt nach dem Ausbrennen und
der Trennung wieder auf die Erde zurück. Für den Einschlagpunkt
wurde eine Booster-Fallzone von 4 km Durchmesser veranschlagt. Hier
in Ristedt wären die Raketen so gestartet, daß die Zone
südöstlich an die LA anschloß. Ein Blick auf die Karte
zeigt, daß dort sehr wohl auch Bebauung steht!
Im vorderen, östlichen Teil der LA standen das Bereitschaftsgebäude
und eine Halle für vier 20 mm-Maschinenkanonen. Gleich anschließend
folgte der Bereich für die technische Betreuung der Raketen. Hier
wurden das Raketenmontagegebäude, die Lenkgeschoß-Montagehalle
und ein Generatorengebäude errichtet.
Hauptteil der Stellung waren die drei Abschußsektionen. In Ristedt
sind diese geteilt worden. Die Sektionen Alpha und Bravo befanden sich
in der besonders gesicherten Secure Area. Hier gab es eine weitere
Torkontrolle, die durch US-Soldaten des Custodial-Teams durchgeführt
wurde. In diesen beiden Sektionen waren neben den konventionellen auch
Atomsprengköpfe auf den Raketen montiert. Die Sektion Charlie
war dagegen ausschließlich mit konventionellen Sprengköpfen
ausgestattet, sie lag außerhalb der Secure Area.
Die besonderen Sicherungsmaßnahmen der Secure Area bestanden
in der ersten Zeit aus einer separaten Abzäunung mit Torkontrolle
durch das US-Personal. Am Zaun standen in den Ecken fünf hölzerne
Wachtürme. Anfang der 1980er Jahre wurden die Bestimmungen mit
dem LRSP verschärft. Dieses zog nach sich, daß ein neues
Wachgebäude errichtet werden mußte. Es bestand aus massivem
Beton und war klimatisiert. Die hölzernen Türme wurden durch
zwei stählerne ersetzt. Auch die Zäune wurden modernisiert,
sie bekamen Bewegungsmelder und Blendscheinwerfer. Im November 1984
konnten diese neuen Sicherheitseinrichtungen übernommen werden.
Alle Sektionen waren nach dem gleichen Schema aufgebaut. Eine große
Lenkgeschoß-Lagerhalle diente zur geschützten Ablage der
fertig montierten Nike-Hercules-Flugkörper. Davon befand sich
eine Betonfläche, auf der drei Abschußgestelle standen.
Die Raketen wurden in liegender Position auf Laufschienen aus der Halle
geschoben und auf dem Launcher zum Starten fast senkrecht aufgerichtet.
Die Freifläche ist durch Erdwälle umrahmt. Diese dienten
sowohl zum Schutz der Raketen, als auch der Umgebung beim Zünden
der Triebwerke. In einem der seitlichen Erdwälle war ein Bunker
integriert. Hierin stand die Section Control Group, aus der die Flugkörper
in der letzten Phase vor dem Start überwacht wurden. Er diente
gleichzeitig auch als Schutzraum für das Personal der Sektion.
Im Bereich hinter diesem Bunker stand ein Generatorengebäude für
die Stromversorgung.
In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre neigte sich die Nike-Ära
langsam dem Ende zu. In der Chronik des FlaRakBtl 24 häufen sich
nun "letzte Ereignisse". Die Denuklearisierung des Systems
war bereits vor geraumer Zeit beschlossen worden. Im Juni 1987 fand
die letzte Sicherheitsinspektion für Atomwaffen statt, die "Nuclear
Weapon Technical Inspection" (NWTI). Der Abzug der zehn vorhandenen
nuklearen Sprengköpfe aus Ristedt erfolgte am 24. Mai des nächsten
Jahres. Die 4./24 war die letzte Einheit des Bataillons, die denuklearisiert
worden ist. Damit konnte nun auch die Anwesenheit des US-Teams beendet
werden. Im Juni fand deren Verabschiedung statt.
Im April 1988 war die 4. Batterie zum letzten Mal für ein Jahresschießen
auf dem NATO-Raketenschießplatz NAMFI auf Kreta. Am 30. Juni
1989 löste man das Bataillon aus dem Luftverteidigungsauftrag
heraus. Die Umrüstung auf das Nachfolgesystem Patriot stand nun
unmittelbar bevor. Im September 1989 wurde die 4./FlaRakBtl 24 aufgelöst.
Das in Ristedt vorhandene komplette System Nike wurde demontiert und
an den NATO-Partner Türkei übergeben, welcher die Nike weiterhin
nutzen wollte.
Aus dem aufgelösten FlaRakBtl 24 wurde sogleich das FlaRak-Geschwader
24 neu aufgestellt. Es war zunächst weiterhin in der Delmenhorster
Caspari-Kaserne beheimatet. Die Batterien des Verbandes übernahmen
nun das neue FlaRak-System Patriot. Bis Ende 1993 verlegten die einzelnen
Einheiten nach und nach auf den Fliegerhorst
Oldenburg.
Die Stellung Ristedt wurde nach dem Abzug der Nike noch einige Zeit
für Übungen mit dem voll mobilen System Patriot genutzt.
Zu Veränderungen an der Infrastruktur kam es dafür jedoch
nicht mehr. Ristedt ist im Jahre 1994 endgültig aufgegeben worden.
Sowohl die IFC als auch die LA sind später in landwirtschaftliche
Nutzung übergegangen. Ein Teil der Feuerleitstellung mit dem Radarwall
wurde im Jahre 2005 aus der Umzäunung herausgenommen und soll
künftig für Veranstaltungen verwendet werden.
Zustand:
Sowohl in der IFC, als auch in der LA ist die Infrastruktur noch fast
vollständig erhalten. Durch Nachnutzungen ergaben sich aber
einige Veränderungen im Detail.
Zugang:
Teile der früheren IFC sind heute von der Umzäunung ausgeklammert
und frei zugänglich. Der Restbereich der
IFC und die gesamte LA dürfen nicht betreten werden.
Hinweis:
Über die Stellung Ristedt ist auch im Nike-Web einiges zu finden:
http://www.nikesystem.de/Pages/Deutschland/d_Syke/d_nike_syke.htm 
Über die Flugabwehrraketentruppe der Bundesluftwaffe ist ein
interessantes Buch erschienen:
Titel: Blazing Skies
Autoren: Wilhelm von Spreckelsen, Wolf-Jochen Vesper
Verlag: Isensee Verlag, Oldenburg
ISBN: 3-89995-054-2
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Blick
aus der Vogelperspektive mit Google Maps:
IFC:
LA:
Fotos:
Feuerleitstellung - Integrated Fire Control (IFC):

Das alte Tor zur IFC, es wurde inzwischen abgebaut.

Das Bereitschaftsgebäude der Stellung

Blick ins Innere

Das Wappen der "Delta-Tigers"

Eine Halle zur Unterstellung von zwei 20 mm-Maschinenkanonen für
die Nahbereichsverteidigung

Auffahrt zum Radarwall

Im Vordergrund der Standplatz des Zielentfernungsradars / Target Ranging
Radar. Im Hintergrund Standplatz des Zielfolgeradars / Target Tracking
Radar.

Auf diesem Sockel wurde das IFF/SIF-Gerät zur Freund-/Feind-Erkennung
abgestellt

Auf dieser Freifläche am Westrand des Geländes stand früher
der Radarprüfmast

Das HIPAR-Elektronik-Gebäude für die Unterstellung der Systemgeräte
des großen Radargerätes

Das Innere des Bauwerks

Vom Fixed-HIPAR-Antennenturm sind nur noch die Betonsockel erhalten

Herzstück der IFC, das Verbindungsgebäude / Control Van Connecting
Room. Daneben zwei Blitzschutzmasten. Der Anbau rechts ist erst später
entstanden.

Das große Generatorengebäude zur Unterstellung der Stromerzeugungsaggregate

Interessantes Detail am Generatorengebäude: Wegweiser zum "Gefangenen-Sammelpunkt".

Das kleine Generatorengebäude versorgte die HIPAR-Komponenten

Einer der Kraftstofftanks für die diversen Generatoren in der
IFC

Die Stromversorgung aus dem öffentlichen Netz wurde über
diese Trafostation gestellt
Feuerstellung - Launcher Area (LA):

Das Tor zur Launcher Area

Auch in der LA steht ein großes Bereitschaftsgebäude

Ebenfalls ist hier eine Halle zur Unterstellung der 20 mm-Maschinenkanonen
zu finden. In der LA gab es vier MK.
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