Relikte des Kalten
Krieges:
Nach Ende des II. Weltkrieges lag die Lufthoheit über Deutschland
in den Händen der Alliierten. Mit dem kurz darauf beginnenden Kalten
Krieg entwickelte sich eine andere Bedrohungslage, die der Kontrolle des
Luftraums eine neue Bedeutung gab. Nun ging es darum, die Sowjetischen
Luftstreitkräfte zu überwachen und auf eventuelle Angriffe reagieren
zu können.
Radar:
Für die Luftraum-Überwachung sind Radar-Stellungen aufgebaut
worden. Im Laufe der Jahre entwickelte sich diese Komponente der Luftverteidigung
zu einem umfangreichen gestaffelten Radargürtel.
Für Norddeutschland
lag die Einsatzleitung in Händen der 2nd Allied Tactical Air Force
(ATAF) in Mönchengladbach (Nordrhein-Westfalen) mit dem verbunkerten
Air Defence Operations Center (ADOC) in Maastricht/Niederlande. Diesem
waren zwei Sector Operations Center unterstellt, das SOC 1 im niedersächsischen
Brockzetel und das SOC 2 in Uedem
(Nordrhein-Westfalen). Den SOC sind Control and Reporting Center (CRC)
nachgeordnet gewesen. Beim SOC 1 waren es die CRC Brockzetel und Brekendorf
(Schleswig-Holstein), sowie ab 1972 das CRC Visselhövede. Bevor
Visselhövede in
Betrieb ging, war weiter östlich von September 1964 bis Dezember
1976 der Reporting Post (RP) Uelzen in Betrieb.
Weitere CRC sind in Nordrhein-Westfalen eingerichtet gewesen. Mit diesen
Radarstellungen wurde der gesamte Luftraum über Norddeutschland lückenlos
kontrolliert. Weiterhin ist entlang der Grenze zur DDR ein Gürtel
mit Dauereinsatzstellungen des Tiefflieger-Meldedienst geschaffen worden.
In Niedersachsen befanden sich sieben dieser Stellungen in nur 3 - 15
km Entfernung zur innerdeutschen Grenze.
Ergänzt wurde das Ganze ab der zweiten Hälfte der 1970er Jahre
durch Radar-Stellungen der US-Airforce. Davon befanden sich in Niedersachsen
die Control and Reporting Posts (CRP) Basdahl und Bad Münder mit
den zugeordneten RP Wanna und Schwelentrup (Nordrhein-Westfalen). Die
Stellungen hatten den Einsatz der US-Kampfflugzeuge zu lenken.
In den Gefechtsständen der SOC und CRC ist zum Einen die lückenlose
Überwachung aller Flugbewegungen durchgeführt worden. Zum Anderen
wurden hier auch eventuell erforderliche Gegenmaßnahmen koordiniert.
So kam es während des Kalten Krieges immer wieder zu Einflügen
durch nicht identifizierte Flugzeuge. Darauf wurde häufig mit dem
Entsenden von Abfangjägern reagiert, die die unbekannten Flugzeuge
in Augenschein nahmen. Auch die Zuweisung von Zielen zu einzelnen Verbänden
der Luftabwehr wäre durch diese Führungsstellen erfolgt. Die
Stellungen gewährleisteten den Überwachungsbetrieb rund um die
Uhr.
Jagdflugzeuge:
Die erste Hauptkomponente zur Reaktion und der Abwehr von Aggressoren
waren Jagdflugzeuge. In Niedersachsen lag lediglich ein Jagdgeschwader,
das JG 71 "Richthofen" der Bundeswehr auf dem Fliegerhorst
Wittmundhafen. Weitere Verbände befanden sich in größerer
Entfernung zum Eisernen Vorhang. Die britische Royal Airforce hatte in
den 1980er Jahren zwei Jagdstaffeln auf dem Flugplatz Wildenrath in Nordrhein-Westfalen.
Dazu kamen Basen der Niederländer und Belgier in deren Heimatländern
mit zusammen fünf Staffeln Jäger. Schließlich war auch
von der US-Airforce in den Niederlanden eine Jagdstaffel stationiert.
Flugabwehrraketen:
Die zweite Hauptkomponente waren Flugabwehrwaffen. In den 1950er Jahren
begann in diversen NATO-Mitgliedsstaaten die Einführung eines FlaRak-Systems
für mittlere bis große Höhen, der Nike. Über dieses
System berichtet ausführlich eine separate
Seite.
Natürlich mußte auch der Luftraum unterhalb des Wirkungsbereichs
der Nike gesichert werden. In der Anfangszeit gab es hierfür lediglich
Rohrwaffen, die mit radargestützten Feuerleitgeräten geführt
wurden. In der NATO verbreitet war die Flak Bofors 40mm L/70.
Die Reichweite und Effektivität dieser Waffe war als Ergänzung
der Nike keinesfalls ausreichend. So wurde in den 1960er Jahre von mehreren
NATO-Partnern die Beschaffung des FlaRak-Systems Hawk durchgeführt.
Auch über dieses Waffensystem wird detailliert auf einer
separaten Seite berichtet.
Mit den beiden Systemen Nike und Hawk wurde ein dichter Gürtel mit
ausgebauten Stellungen errichtet, der in Deutschland von der Nordsee bis
zu den Alpen reichte. An dieser Verteidigungslinie beteiligten sich neben
der Bundeswehr die NATO-Partner Niederlande, Belgien und USA sowie, bis
zum Austritt aus den militärischen Strukturen der NATO, auch Frankreich.
Es gab aber auch Schwachpunkte im Gürtel. Das waren Schleswig-Holstein,
dort befanden sich keine Nike-Stellungen; an der Grenze der 2. und 4.
ATAF zwischen Kassel und Marburg, hier war ein Hawk-Sektor nicht besetzt
und der Südrand der Bundesrepublik, dort entstand nach Ausscheren
der Franzosen eine große Lücke.
Beide Systeme bekamen dem jeweiligen Einsatzspektrum entsprechend einen
Höhenbereich zugewiesen. Die Hawk deckten die Low Missile Engagement
Zone (LOMEZ) ab, die Nike entsprechend die High Missile Engagement Zone
(HIMEZ).
Die FlaRak-Verbände stellten Rund um die Uhr die Abwehrbereitschaft
sicher. Von den vier Batterien eines Bataillons befand sich jeweils eine
in höchster Bereitschaftsstufe. Dieser Dienst wechselte turnusmäßig
zwischen den einzelnen Einheiten. Für den Einsatzdienst befand sich
das Personal 48 bis 72 Stunden ununterbrochen in der Stellung. In der
FlaRak-Truppe herrschte eine extrem hohe Arbeitszeitbelastung.
FlaRak-System Nike:
Der zunächst aufgebaute Nike-Gürtel hatte seine Stellungen in
Niedersachsen sämtlich westlich der Weser. Es wurden Sektoren festgelegt,
die jeweils FlaRak-Bataillone bezogen. Jedes Bataillon hatte vier Batterien
die jede für sich eine Stellung betrieben.
Im äußersten Südwesten befand sich der Sektor 7, hier
wurde die 2. Groep Geleide Wapens (GGW) der Niederländischen Luftwaffe
eingesetzt. Direkt östlich davor lag Sektor 9, besetzt mit der
1. GGW. Nördlich davon war Sektor 10, der vom FlaRakBtl 25 der
Bundeswehr belegt wurde. Diese drei Verbände waren dem SOC 2
in Uedem unterstellt.
Das Gebiet nördlich davon wurde vom SOC 1 Brockzetel gelenkt. Hier
schlossen sich die Sektoren 12 und 13 an, belegt mit den FlaRakBtl 24
und 26. Insgesamt befanden sich in Niedersachsen maximal 15 Nike-Stellungen,
bestehend aus räumlich getrennten Feuerleitstellungen und Abschußbereichen.
Der Feuerleitbereich des Squadrons Rheine-Bentlage lag ebenfalls bereits
auf niedersächsischem Grund.
Zur Seite FlaRak-System Nike.
FlaRak-System Hawk:
Den Nike-Stellungen östlich vorgelagert befand sich der Hawk-Gürtel.
Auch hier wurden wieder Sektoren gebildet, die normalerweise vier Stellungen
umfaßten. Südlichster der Hiesigen war Nr. 58 mit der niederländischen
3. GGW, davon lag lediglich eine Stellung in Niedersachsen. Nördlich
folgte Sektor 59 mit der 4. GGW. Der folgende Sektor 60 bildete eine Ausnahme
im Schema. Es wurden zwar vier Stellungen errichtet, bezogen hat die 5.
GGW jedoch nur drei. Die vollständig ausgebaute Stellung Steyerberg
blieb ungenutzt. Wiederum nördlich dieses Bereiches folgte Sektor
61, der mit dem FlaRakBtl 35 der Bundeswehr belegt wurde. Die bis hier
aufgezählten Bereiche unterstanden wieder dem SOC 2.
Im Zuständigkeitsbereich des SOC 1 setzten sich die Sektoren 62,
63, 64 fort, die mit den FlaRakBtl 31, 36, 37 belegt waren. Insgesamt
standen in Niedersachsen im Höchststand 24 Hawk-Batterien im Einsatz.
Zur Seite FlaRak-System-Hawk.
Die zuvor genannte Anzahl der Stellungen war
jedoch nicht zeitgleich vorhanden. Als letzte permanente Einsatzstellung
der Nike ist Schönemoor erst 1973 bezogen worden. Aber schon Jahre
früher bahnten sich Reduzierungen an. Die Nichtaufstellung der vierten
Squadron der 5. GGW im Jahre 1968 war ein erstes Signal. Bei einem Brandunglück
in der Stellung Velmerstot am 4. März 1968 ging eine ganze Anzahl
an Material der 326 Sqn verloren. Dieses wurde ersetzt durch das, welches
für die 503 Sqn vorgesehen war. Aus Kostengründen wurde nun
die Aufstellung der letzten Hawk-Squadron gestoppt.
Auch die folgenden Jahre brachten den niederländischen FlaRak-Verbänden
einige Einschnitte, die aus Geldmangel resultierten. Im Juli 1970 wurden
Nike-Sqn 121 Bad Essen sowie die Hawk-Sqn 324 Aerzen-Laazen und 420 Barsinghausen
deaktiviert. 121 und 324 nahmen im Herbst 1972 wieder
ihren Betrieb auf. Die Stellung Barsinghausen wurde nun vom 421 Sqn bezogen.
Dessen vorherige Stellung in Bad Münder ist endgültig
geschlossen worden.
Anfand der 1970er Jahre entschied die NATO einen Objektschutz
im Hinterland der ATAFs aufzubauen, siehe dazu auch weiter unten die Rubrik
"Objektschutz". Die dafür nötigen Maßnahmen
gingen aber in der Niederländischen Luftwaffe zu Lasten des FlaRak-Gürtels
in Deutschland. Vor diesem Hintergrund beschloß die Niederländischen
Regierung Mitte 1974 aus Kostengründen weitere tiefgreifende Einschnitte.
Sie war nicht bereit, von der NATO geforderte zusätzliche Hawk-Squadrons
aufzustellen, die im eigenen Land Einrichtungen schützen sollten.
Statt dessen wurden Personal und Material dafür aus Deutschland abgezogen.
Die 1. und 2. GGW hat man zur neuen 12. GGW zusammengefaßt, die
4. GGW löste man auf. Dieses bedeutete, daß von vorher 8 Nike-Squadrons
nur 4 übrig blieben, von 11 Hawk-Squadrons blieben 8 bestehen. Für
Niedersachsen ergab sich daraus, nach der Auflösung der Stellung
Bad Münder, auch die Aufgabe der Hawk-Stellung Barsinghausen sowie
der Nike-Stellungen Nordhorn und Bad Essen.
FlaRak-System Patriot:
In den 1980er Jahren stand die Ablösung der inzwischen nicht mehr
zeitgemäßen Nike an. An ihre Stelle trat das FlaRak-System
Patriot. Dessen Konzeptionierung begann bereits 1961, ab 1964 lief sie
unter der Bezeichnung SAM-D. Es gab in der Folgezeit viele Verzögerungen.
1976 wurde dem neuen System der Name Patriot gegeben, die Abkürzung
von "Phased Array
Tracking Interception
of Target".
Die Einführung von Patriot sollte ein Neuzuordnung von Standorten
und Stellungen zur Folge haben, mit der die Schwächen der alten Dislozierung
ausgeglichen werden konnten.
Bei den Niederländern ergaben sich grundlegende Umbrüche. Sie
lösten bis 1988 die 12. GGW mit sämtlichen Nike-Squadrons auf.
Mit Patriot wurden jeweils zwei Einheiten der 3. und 5. GGW ausgerüstet.
Dafür sind die Stellungen Hoysinghausen, Reinsdorf, Goldbeck und
Velmerstot (Nordrhein-Westfalen) umgebaut worden. Also ergab sich dort
neben dem Fortfall der Nike auch eine Reduzierung der Hawk-Systeme um
die Hälfte.
Bei der Bundeswehr war die Patriot von vorne herein ausschließlich
als Ersatz für die Nike-Verbände vorgesehen. Die vorherigen
Bataillone der Bundesluftwaffe sollten zu Geschwadern mit sechs statt
vier Batterien aufwachsen. Für Niedersachsen waren künftig nur
noch die FlaRakG 24 und 25 eingeplant. Durch die höhere Anzahl der
Einheiten blieb es aber bei 12 Batterien. Das Geschwader 26 verlegte nach
Heide in Schleswig-Holstein.
Erst im Juni des Jahres 1989 wurde das erste System an die Luftwaffe übergeben.
Noch während die Infrastrukturmaßnahmen für den Umbau
der Stellungen liefen, endete der Kalte Krieg mit dem
Zusammenbruch des Ostblocks. Die darauf folgende neue geographische Ausdehnung
Deutschlands und die allgemeine Abrüstung ließen ursprüngliche
Planungen über die Neustrukturierung des FlaRak-Gürtels in weiten
Teilen hinfällig werden. Nur drei vorherige Nike-Stellungen des FlaRakG
25 sind noch umgebaut worden: Varrelbusch, Wuthenau/Schweringhausen und
Wagenfeld.
Objektschutz:
Als letzter Punkt soll die Luftverteidigung im Objektschutz betrachtet
werden. Im NATO-Englisch wurde dafür der Begriff SHORAD verwandt,
Short Range
Air Defence.
Für militärisch besonders wichtige Objekte ergab sich natürlich
auch eine besondere Bedrohungslage. Der Gegner würde sich darauf
konzentrieren, Befehlsstellen und Versorgungseinrichtungen zu zerstören.
Auch Flugplätze waren wichtige Angriffsziele.
1967 fand im Nahen Osten der Sechs-Tage-Krieg statt. Daraus ergaben sich
einige wichtige Erkenntnisse, die in der NATO-Strategie ihren Einzug fanden.
Es wurde klar, daß ein Luftabwehrgürtel keine absolute Sicherheit
für das Hinterland bedeutete. Außerdem stieg zu Beginn der
1970er Jahre die Bedrohung durch modernere Flugzeuge der Warschauer Pakt-Staaten
an. Nun folgten Maßnahmen um Flugplätzen, Gefechtsständen
sowie Nuklearwaffenlagern im rückwärtigen Gebiet Möglichkeiten
zur Verteidigung gegen Luftfahrzeuge zu geben.
So bestand Bedarf an Waffen zur Luftabwehr auf kurze Distanz. Die Bundesluftwaffe
hatte zwar vor Beschaffung der Hawk die Flak 40mm L/70 im Bestand, diese
wurden aber 1965 an Heer und Marine abgegeben. Die nun entstandene Lücke
deckte man ab 1969 mit der Flak 20mm Zwilling von Rheinmetall. Bemerkenswerterweise
führte die Niederländische Luftwaffe 1975 die Flak 40mm L/70
zum gleichen Zweck ein, hier unterstützt durch das Feuerleitradar
"Flycatcher". Mit diesen Waffen wurden Sicherungszüge ausgestattet,
die z.B. Fliegerhorste und Radar-Stellungen schützen sollten. Auch
die Nike- und Hawk-Stellungen selbst erhielten diese Geschütze für
die Verteidigung im Nahbereich.
Auf diesem Gebiet folgten natürlich ebenfalls modernere Entwicklungen.
Nach einigen Verzögerungen wurde von der Bundeswehr ab Anfang 1988
das FlaRak-System Roland (Rad) beschafft. Sowohl der Luftwaffe, wie auch
der Marine liefen die Systeme bis 1991 zu. Bei der Marine waren die Roland
in die vorhandenen Marinefliegergeschwader (MFG) integriert. So setzte
die Fla-Staffel des MFG 3 "Graf Zeppelin" im niedersächsischen
Nordholz ab 1990 das System zum Schutz
des Marinefliegerhorstes ein.
Bei der Luftwaffe wurden als neue Verbände Flugabwehrraketengruppen
aufgestellt. Am 29.9.1989 entstand in Wangerland aus Personal der FlaRakBtl
24 und 26 die FlaRakGrp 41. Diesem Verband wurden Sicherungsobjekte zugewiesen.
Die 1./41 sollte mit sechs Systemen den Fliegerhorst
Jever schützen. Die 2./41 hatte sechs Roland für den Fliegerhorst
Rheine-Hopsten (Nordrhein-Westfalen). Die 3./41 konnte mit vier Roland
den Fliegerhorst Wittmundhafen absichern.
Zum Systembereich für die Fahrzeuge und Geräte ist der Abschußbereich
der vormaligen Nike-Stellung Friederikensiel/Mederns umgebaut worden.
Hinweis:
Diese zwei hervorragenden Werke mit gleichem Namen zeigen alle Details
des FlaRak-Gürtels.
Über die Flugabwehrraketentruppe der Bundesluftwaffe:
Titel: Blazing Skies
Autoren: Wilhelm von Spreckelsen, Wolf-Jochen Vesper
Verlag: Isensee Verlag, Oldenburg
ISBN: 3-89995-054-2
Über die Niederländischen Groepen Geleide
Wapens in Deutschland:
Titel: Blazing Skies 
Autor: Rinus Nederlof
Verlag: Sdu Uitgevers, Den Haag
ISBN: 90-12-09678-2
|