Die Hawk-FlaRak-Stellung Borstel (NL)

 Relikte des Kalten Krieges: 
Grundsätzliches über die Elemente und das Zusammenwirken im NATO-Luftverteidigungsgürtel ist auf der Themenseite nachzulesen.
Über die Verbände und Stellungen des FlaRak-Systems Hawk sowie die Entwicklung dieser Waffe berichtet eine weitere Seite. Die Einsatzmittel einer Batterie sind auf der Seite aktive Stellung aufgelistet.
Die grundlegende Aufteilung einer Hawk-Stellung ist auf der Seite über die Stellung Lichtenmoor nachzulesen. Hier soll auf die Besonderheiten einer niederländischen Stellung eingegangen werden.

Im Rahmen des Aufbaus des NATO-FlaRak-Gürtels in Deutschland wurde das Gebiet zwischen Nienburg und Mittellandkanal als Luftverteidigungs-Sektor 60 festgelegt. In diesem Sektor sollte die Niederländische Luftwaffe vier FlaRak-Stellungen mit dem System Hawk einrichten. Zwei der Stellungen waren ostwärts angesiedelt, sie bildeten die sogenannte 1st Row. Ein geeigneter Standort mit freiem Radar-Blickfeld Richtung Osten fand sich auf der 101 m hohen Erhebung Hüttenberg im Grinderwald.
Hier sollte die 500. Squadron der 5. Groep Geleide Wapens aus Stolzenau ihre Einsatzstellung bekommen. Südlicher Nachbar wurde die 501 Sqn der 5. GGW in ihrer Stellung bei Winzlar, am Westrand des Steinhuder Meeres. Nördlicher Nachbar war die 2. Batterie des FlaRakBtl 35 der Bundeswehr in der Stellung Lichtenmoor. Im Jahre 1967 konnte die 500 Sqn die Stellung Borstel beziehen.

Die Anlage auf dem Hüttenberg lag 2 km südwestlich der Ortschaft Borstel. Die Militäranlage war über eine rund 2,7 km lange Zufahrtstraße von der Bundesstraße 6 erreichbar. Das Gelände befand sich in einem dicht bewachsenen Waldgebiet und lag weit abseits von Bebauung und Durchgangsstraßen. So war die Stellung selbst im umgebenden Landkreis vielen Menschen nicht bekannt.

Eine Einsatzstellung für das FlaRak-System Hawk verlangte eine Infrastruktur, die bei allen einsetzenden Nationen in ihren Grundzügen gleich war. In der jeweiligen Ausführung ergaben sich jedoch diverse Unterschiede.
Die folgenden Einrichtungen in der Stellung Borstel waren auch in deutschen Stellungen weitgehend baugleich zu finden:
Das Bereitschaftsgebäude stellte für die Soldaten das Kernstück der Anlage dar. Hier waren Büros, die Kantine sowie Sanitär- und Ruheräume untergebracht. Die Einsatzleitung des Squadrons stellte ihre Fahrzeuge mit den verlasteten Komponenten des Gefechtsstandes an einer Verbindungsrampe ab. Gleich daneben befand sich das Werkstattgebäude, in dem die Flugkörper gewartet und abschußbereit gemacht wurden. Die fünf Radargeräte der Batterie standen, um die Radarhorizont zu erweitern, auf angeschütteten Erdwällen; in Borstel waren es zwei Wälle. Die sechs Startgeräte mit den Raketen sind in zwei Sektionen zu drei Launch-Pads aufgeteilt gewesen. Nördlich befand sich die Section Alpha, südlich Section Bravo. Gesteuert wurden die Abschußgestelle je Sektion von einem kleinen Bedienungsleitstand. Für die autarke Stromversorgung der verschiedenen Komponenten einer FlaRak-Batterie standen diverse Stromerzeuger bereit. Sie waren in drei Gebäuden wettergeschützt untergestellt.
Nun zu den Abweichungen, die typisch für eine niederländische Hawk-Stellung waren:
Am Eingang fällt auf, daß kein größeres Wachgebäude, sondern ein kleines Postenhäuschen vorhanden war. Mit dem Abzug der Niederländer verschwanden die charakteristischen halbrunden Stahlblechhütten und -hallen in der Anlage. Die Bauweise wurde durch die britischen Nissen-Hütten vorgegeben. Es gab sie in verschiedenen Größen in der Stellung Borstel. Größere Exemplare dienten als Instandsetzungshalle und zur Unterbringung von Versorgungsgütern. Auch die Schutzräume für das Personal waren anders als in deutschen Stellungen gebaut. Die Niederländer errichteten sie als Röhrenbunker mit Sitzbänken an beiden Längsseiten. Ein besonderes Merkmal war das Vorhandensein eines Munitionsbunkers. Hier wurden die Flugabwehrraketen vom Typ Stinger für die Nahbereichsverteidigung gelagert. Ab 1986 war dieses System in den Hawk-Sqadrons eingesetzt. Je Einheit gab es drei Teams mit je 11 der geschultert eingesetzten Flugabwehrwaffen.

Von 1967 bis 1994 konnte die 500. Squadron ihren Einsatz in Borstel durchführen. Nach Ende des Kalten Krieges entfiel der Sinn für die Stationierung niederländischer Luftabwehrtruppen in Deutschland. So folgten bald einige Umstellungen. Die 500 Sqn wurde im Juli 1994 mit der 326 Sqn aus Blomberg (NRW) vereinigt. Diese Squadron hatte ihre Einsatzstellung bislang auf dem Berg Velmerstot bei Horn-Bad Meinberg in Nordrhein-Westfalen. Sie war seit 1990 mit dem FlaRak-System Patriot ausgerüstet. Durch die Zusammenlegung der beiden Squadrons entstand die 801 Sqn. Die mit zwei verschiedenen Systemen ausgerüsteten Einheiten bezeichnete man als Triad-Squadrons. Zeitgleich mit der Fusion verlegte die 801 Sqn zurück in die Niederlande nach De Peel.

Mit dem Abzug die Niederländer wurde im Juli 1994 auch die Stellung Borstel aufgegeben. Nur die feste Infrastruktur blieb stehen, der Rest ist fortgeschafft worden. So verschwanden seinerzeit schon die Stahlblechhallen und weitere Feldhäuser. Eine Nachnutzung folgte nicht, so verfiel die Anlage langsam. Die Vegetation überwucherte allmählich die vorher überwiegend gering bewachsene Anlage. Die Liegenschaft wurde über viele Jahre als "Abenteuerspielplatz" mißbraucht. Durch den sich daraus ergebenden Vandalismus nahmen fast alle Teile der Stellung enormen Schaden.
Im Jahre 2006 begann zwischen Nienburg und Neustadt der vierspurige Ausbau der Bundesstraße 6. Als Ausgleichsfläche wurde die ehemalige FlaRak-Stellung Borstel ausgewählt. So folgte im Rahmen der Baumaßnahmen der Abriß der verbliebenen Anlagen und die Renaturierung des Geländes.

 Zustand: 
Die Spuren des jahrelangen Vandalismus in der früheren FlaRak-Stellung sind auf den Bildern unten deutlich zu erkennen. Nach Renaturierung der Anlage wird die frühere militärische Nutzung nur noch zu erahnen sein.

 Zugang: 
Das Gelände der ehemaligen FlaRak-Stellung ist zugänglich.

 Hinweis: 
Ein Blick aus der Vogelperspektive auf die Stellung aus dem Angebot von Google-Maps:
FlaRak-Stellung Borstel

Ein niederländisches Web über die ehemalige 5. GGW:
http://www.5ggw.nl

Dieses Buch stellt die Niederländischen Groepen Geleide Wapens in Deutschland detailliert vor:
Titel: Blazing Skies
Autor: Rinus Nederlof
Verlag: Sdu Uitgevers, Den Haag
ISBN: 90-12-09678-2


Einige Fotos sind als Vorschaubilder bereitgestellt - zum Vergrößern bitte anklicken

Unmittelbar vor dem Tor stand eine Trafostation, über die die Anlage aus dem öffentlichen Stromnetz versorgt wurde.

Hinter dem Tor ein kleines Postenhäuschen
Die Einfahrt zur FlaRak-Stellung Borstel
  Auf der Freifläche war eine größere Stahlblechhalle aufgestellt, im Vordergrund ist ein Befestigungssockel zu erkennen.
  Am Nordrand der Freifläche schloß sich der technische Bereich an, hier eine verfallene Hütte
  Wieder ein Standplatz einer größeren Stahlblechhalle
Im westlichen Bereich befand sich diese große Freifläche
  Hütte für die Unterverteilung der Energie- und Nachrichtenleitungen
  Im Werkstattgebäude, dem Missile Assembly Building.
Links der Standplatz für die Fahrzeuge des Batterie-Gefechtsstandes, rechts das Werkstattgebäude

Blick durch den Flur des Bereitschaftsgebäudes

Der Zugang zu diesem Röhrenbunker ist völlig zugewachsen
Das Bereitschaftsgebäude der 500 Sqn enthielt Büros, Kantine, Sanitär- und Ruheräume
  Hier zeigt sich die beachtliche Höhe des Walls
  Einer von fünf Standplätzen für Radar
  In diesem Generatorengebäude waren Stromerzeuger abgestellt, welche die Radargeräte versorgen konnten.
Auffahrt auf den Radarwall, der Weg verzweigt zu den Standplätzen der einzelnen Geräte.
Das Munitionslagerhaus zur Deponierung der Stinger-Flugabwehrraketen zur Nahbereichsverteidigung. Kapazität 1.000 kg Explosivmittel.
Ein Abstellplatz hinter der Sektion Alpha Über diese Verladerampe konnten Geräte auf LKW und Anhänger gefahren werden Das Generatorengebäude Typ II der Sektion Alpha

Zu den Abschußplätzen führten aufklappbare Kabelschächte
Eine von sechs Launchpads. Hier stand ein Abschußgestell mit drei Flugkörpern, geschützt durch einen aufklappbaren Wetterschutz.

Quellenangabe:
- Rinus Nederlof: Blazing Skies

Diese Seite ist Bestandteil des Web "Relikte in Niedersachsen und Bremen".
Copyright © beim Webmaster der "Relikte".