Relikte des Kalten
Krieges:
Die Thematik der Bereitstellung von Atomwaffen für die Bundeswehr
wird auf dieser Seite betrachtet: Atomwaffenlager
in Niedersachsen.
Bereits Anfang der 1960er Jahre begannen die Arbeiten zur Errichtung des
Munitionslagers in der Lahner Heide. Hier zwischen den Städten Sögel
und Werlte errichtete man das zentrale Atomwaffendepot für das I.
Korps der Bundeswehr und das I. Niederländische Korps. Es entstanden
neun Munitionslagerhäuser, dazu ein Werkstattgebäude und das
Torhaus. Wegen der besonderen Bedeutung der Anlage und der Gefährlichkeit
der eingelagerten Munition wurden natürlich besondere Schutzmaßnahmen
ergriffen.
In konventionellen Munitionsdepots wurde zur Tarnung eine Bepflanzung
mit Büschen und Bäumen durchgeführt, anders bei diesem
Lager, außer Gras war keinerlei Bepflanzung erlaubt. Das gesamte
Lagergelände und ein breiter Sichtstreifen außerhalb der Umzäunung
war von den hohen Wachtürmen lückenlos einsehbar. Hohe Zäune
in Doppelreihen umgaben das Gelände. Dazu wurden gestaffelt Betonwände
aufgestellt, die Sichtschutz und Deckung für die Nahverteidigung
boten. Einige halb erdversenkte betonierte Beobachtungsposten ergänzten
die Sicherungseinrichtungen.
Am Tor sind ebenfalls besondere Einbauten zu finden. Das gesamte Wachgebäude,
das gleichzeitig Unterkunft für die Wachmannschaften war, ist in
massiver Betonbauweise ausgeführt worden. In das Lager gelangte man
nur mittels Schleusung durch Doppeltore. Auf der Zufahrtsstraße
vor dem Depot konnten Abweiser in die Straße eingesetzt werden,
um das Durchbrechen von Fahrzeugen zu verhindern. Das Umfeld wurde zum
rund 170 ha messenden Standortübungsplatz der Garnison Werlte ausgebaut
und war komplett Militärischer Sicherheitsbereich. Somit bekamen
außenstehende die Anlage regulär nie zu Gesicht.
Die Munitionslagerhäuser entsprechen weitgehend den standarisierten
Typen der NATO, die auch in konventionellen Munitions- und Korpsdepots
sowie Standortmunitionsniederlagen zu finden sind. Für die Sonderwaffen
wurden aber wieder einige Ergänzungen vorgenommen. Das eigentliche
Tor ist mit einem stählernen Schutzvorbau versehen worden, die zwei
Flügeltore mußten mit zwei speziellen Schlössern geöffnet
werden. Dahinter liegt das zweiteilige Schiebetor, welches aus dem Wachgebäude
elektrisch bewegt wurde. Damit war man immer noch nicht durch, ein weiteres
Schiebeschott mußte, ebenfalls ferngesteuert, hydraulisch zur Seite
gefahren werden.
Das Sonderwaffenlager wurde gemeinschaftlich von Bundeswehr und USArmy
betrieben. Im August 1963 verlegte die 552nd USArmy Artillery Group nach
Sögel in die Mühlenberg Kaserne, um das Depot Lahn in Betrieb
zu nehmen. Zugeordnet war die 162nd USArmy Ordnance Company, deren Aufgabe
sind Wartungsarbeiten und kleinere Reparaturen an den Sprengköpfen
gewesen. Der 552nd USAAG unterstanden alle USArmy Field Artillery Detachments,
die für das Deutsche und das Niederländische Korps zuständig
waren. Im Einzelnen:
- 1st USAFAD für das Korps-RakArtBtl 150 in Wesel
- 5th USAFAD für die 11. PzGrenDiv, stationiert in Dünsen
- 8th USAFAD für ein Niederländisches Korps-RakArtBtl,
stationiert in Havelte (NL)
- 23rd USAFAD für Niederländische Divisionsartillerie,
stationiert in t'Harde (NL)
- 25th USAFAD für die 3. PzDiv, stationiert in Barme
- 32nd USAFAD für die 1. PzDiv, stationiert in Nienburg
- 81st USAFAD für die 7. PzDiv, stationiert in Dülmen
Die Transporte von Atomwaffen zwischen den einzelnen SWLagern
sind ausschließlich von der USArmy durchgeführt worden. Fast
immer wurde der Transport mit Hubschraubern gewählt, der sogenannten
"Air Mission". Dabei landeten große Transporthubschrauber
vom Typ Chinook innerhalb der Depots direkt vor den Bunkern um die Munition
auf kürzesten Wegen umzuschlagen.
Die Bundeswehr stellte das Wach- und Sicherungspersonal für das
Sonderwaffenlager. Ebenfalls 1963 verlegte das Transportbataillon (Sonderwaffen)
81 nach Sögel. Die 2. Kompanie war infanteristisch ausgerüstet
für die Bewachung des Lagers in der Lahner Heide, die 3. Kompanie
stellte Fachpersonal für den Lkw-Transport von Atomsprengköpfen
und -trägersystemen. 1968 verlegte das Bataillon in die neu erbaute
Hümmling Kaserne nach Werlte. Nach grundlegenden Generationswechseln
bei den betreuten Waffensystemen wurde der Verband im Jahre 1976 in
Nachschubbataillon (Sonderwaffen) 120 umgegliedert und umbenannt. Zu
der Zeit ist das Korps-Raketenartilleriesystem "Sergeant"
durch "Lance" abgelöst und auf Divisionsebene das System
"Honest John" ausgemustert worden.
Die 1980er Jahre brachten zum einen die Vermischung der Wach- und der
Transportkomponente in zwei gleichartige Kompanien. Die Zeit war aber
auch geprägt von Demonstrationen der Friedensbewegung gegen die
Nachrüstungsbeschlüsse. Dadurch wurde die Einsatzbereitschaft
des Wachpersonals besonders gefordert.
Nach dem Fall der Mauer und der beginnenden Abrüstung ist Anfang
der 1990er Jahre die Ausstattung der NATO-Heeresverbände mit taktischen
nuklearen Gefechtsköpfen aufgegeben worden. Damit entfielen auch
Sinn und Zweck des Sonderwaffenlagers Lahn und der spezialisierten Verbände.
Am 10. Februar 1992 wurde mit der letzten "Air Mission" der
Abtransport der Atomwaffen beendet. Die US-Truppen wurden im Juni des
Jahres außer Dienst gestellt. Das NschBtl (SW) 120 ist zu einem
regulären Transportbataillon umgegliedert worden und blieb zunächst
bestehen. Im Jahre 2003 kam schließlich das Ende für den
Verband, gleichzeitig wurden die Garnison Werlte und der Standortübungsplatz
Lahn mit dem ehemaligen Sonderwaffenlager freigegeben.
Zustand:
Nach Freigabe der Liegenschaft zeigt sich das ehemalige Atomwaffenlager
weitgehend komplett. Die Zäune wurden entfernt, ebenso alle Einbauten
der Gebäude. An den Munitionshäusern wurde die Schutzvorbauten
abgerissen und die Tore zugeschweißt.
Zugang:
Das ehemalige Sonderwaffenlager ist inzwischen
nicht mehr zugänglich.
Hinweis:
Auf dieser Seite wird auch auf die 552nd USAAG eingegangen:
http://www.usarmygermany.com/Units/Ordnance/USAREUR_59thOrdBde.htm

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