Relikte.com
Zur StartseiteInfo über diese WebsiteÜbersicht der LiegenschaftenRelikte durchsuchenLiteratur-DatenbankHyperlink-DatenbankKontakt zum Webmaster
Rubrik: Munitionsdepots / Versorgungsdepots Translation: English French Spanish Italian Dutch Danish Polish Russian
Die Standortmunitionsniederlage 253/2 Deinste
 Relikte des Kalten Krieges: 
Die auf dieser Seite vorgestellte Standortmunitionsniederlage 253/2 Deinste liegt knapp 4 km südlich der namensgebenden Ortschaft. Das Umfeld ist sehr dünn besiedelt. Gut 1 km weiter Richtung Süden befindet sich das aus nur wenigen Häusern bestehende Dorf Lusthoop. Die abseitige Lage war für eine Liegenschaft, in der Munition deponiert werden sollte vorteilhaft. Größter Nutzer ist die Garnison Stade gewesen. Die dortige Von-Goeben-Kaserne befand sich 8 km nördlich des Munitionsdepots.

Zu den nach 1945 eingerichteten Standortmunitionsniederlagen (StOMunNdlg) gab es in der Wehrmacht Vorgänger, seinerzeit Truppen-Munitionsniederlagen genannt. Eine weitere Seite beschreibt die TrMunNdlg Oldenburg, als interessantes Beispiel einer solchen Anlage. Die Aufgabe dieser Munitionslager hatte sich jedoch in der Epoche des Kalten Krieges grundlegend verändert. Die Wehrmacht deponierte früher nur Kampfmittel, die von in der Umgebung stationierten Einheiten auf Schießständen und bei Übungsvorhaben auf Truppenübungsplätzen verbraucht wurden. Daher reichte für die Objekte eine kleine Lagerkapazität, üblicherweise waren weniger als zehn Munitionshäuser vorhanden.
Während des Kalten Krieges bestand eine permanente Bedrohungslage durch den Warschauer Pakt. Die NATO mußte sich auf die Möglichkeit eines Überraschungsangriffs mit kurzer Vorwarnzeit einstellen. Um eine schnelle Reaktionsfähigkeit zu ermöglichen, wurde Gefechtsmunition bereits in Friedenszeiten in der Nähe der einsetzenden Truppen bereitgehalten. Daneben ist aber auch Übungsmunition und Manövermunition in den StOMunNdlg eingelagert worden.
Als Verteidigungsvorrat hatte man hier die Grundbeladung der Munition für die zugeteilten Einheiten deponiert. Ein Bestandteil davon war die Kampfbeladung, mit der die Gefechtsfahrzeuge aufmunitioniert wurden. Der andere Teil ist die Truppenbeladung gewesen, welche die Nachschubgruppen der Verbände auf Transportfahrzeugen mitführten. Waren Nachschubkompanien vor Ort stationiert, kam für diese noch die Ergänzungsbefüllung für Brigaden oder auch Divisionstruppen hinzu.
Im Alarmierungsfall hätten die Nachschubgruppen mit LKW die Kampfmittel aus den StOMunNdlg abgeholt und zu den Bereitstellungsräumen verbracht. Die Kampffahrzeuge selbst wären nicht in die Depots eingefahren.

Selbstverständlich hatte die Bundeswehr Standards für die Auslegung von Standortmunitionsniederlagen erlassen. Die Bunker in denen die Kampfmittel deponiert wurden, bezeichnete man als Munitionslagerhaus (MLH). Von den 1950er bis mindestens Ende der 1970er Jahre gab es zwei gängige Typen, die in allen StOMunNdlg aufzufinden waren. Die kleinere Ausführung verfügte über rund 25 m² Lagerfläche, die Bezeichnung lautete dementsprechend MLH 25. Der größere Bunker wies gut 50 m² auf, benannt als MLH 50.
Von den beiden vorgenannten abgesehen, gibt es für spezielle Zwecke auch größere MLH. Das betraf vorrangig die Sondermunitionslager, in denen atomare Sprengköpfe und Granaten lagerten. Andere dienten der Aufbewahrung von Raketentriebwerken des atomar zu bestückenden Waffensystems Honest John. Ein Beispiel für eine solche Anlage zeigt die Seite Standortmunitionsniederlage 241/2 Dünsen.

In den 1980er Jahren änderten sich die Vorgaben. Nun sollten bei Neubauvorhaben Munitionsbunker in einer anderen Ausführung errichtet werden. Diese hat man oft mit der Bezeichnung Stradley benannt. Sie verfügen an Stelle der bisherigen Flügeltüren über größere Schiebetore an der Vorderseite. Somit entstanden hier bessere Umschlagmöglichkeiten für moderneres Gerät. Ab 1983 lief der Nachschubtruppe das allradgetriebene Feldumschlaggerät (FUG) 2,5 t Steinbock zu. Aus einem Dokument geht hervor, daß im Alarmierungsfall die Nachschubkompanie einer Brigade jedem zugehörigen Bataillon ein FUG für die Entleerung der StOMunNdlg zur Verfügung stellen mußte.
In den Munitionsniederlagen traten mit Umsetzung der neuen Vorgaben an die Stelle der MLH 25 die MLH 30, und statt MLH 50 sind es MLH 60 gewesen. Die Zahlen zeigen die vergrößerten Nutzflächen. In der Zentralen Dienstvorschrift der Bundeswehr ZDv 73/1 war vorgegeben, welche Stückzahlen an Munitionslagerhäusern und Munitionsbehältern in einer Standortmunitionsniederlage vorhanden sein mußten. Dieses stand in Abhängigkeit zu den einlagernden Verbänden und Einheiten, siehe dazu die Erläuterungen auf der Seite über die StOMunNdlg Altenwalde.
Soweit erkennbar, fanden die in der Vorschrift genannten Richtlinien in Bezug auf die Anzahl der Bunker im Fall der neu gebauten MLH 30 und 60 keine Anwendung mehr. Es wurden bis zum Ende des Kalten Krieges nicht mehr viele neue Niederlagen gebaut. Einzelne Objekte erfuhren Vergrößerungen, was vermutlich mit der Einführung der Leopard 2 mit größerem Kaliber in Zusammenhang steht. Im Fall der StOMunNdlg 251/2 Munster-Trauen sind nachträglich vier MLH 30 an bestehenden Lagerstraßen zugefügt worden. Bei der StOMunNdlg 231/1 Dedelstorf hat man dagegen die Grundfläche der Liegenschaft erheblich vergrößert und dort 19 neue MLH gebaut.

Ein vollständig mit den neuen MLH 30 und 60 errichtetes Munitionsdepot ist das hiesige Objekt, die Standortmunitionsniederlage Deinste. Über das Datum des Baubeginns liegen keine Angaben vor, vermutlich müßte es in der ersten Hälfte der 1980er Jahre gewesen sein.
Im Süden der Liegenschaft hat man die Haupteinfahrt mit Wach- und Dienstgebäude errichtet. Diese Lage ergab einen Sicherheitsabstand von 250 m zu den ersten Munitionsbunkern. In das Gebäude zogen Soldaten meist für 24 Stunden ein, die rollierend von den Einheiten der Stader Kaserne herangezogen worden sind. Sie stellten Fußstreifen und führten die Zugangskontrolle durch.
Von der Wache führt die Straße Richtung Norden. Sie wies auf 200 m Strecke eine größere Breite auf. Dieser Teil war als Sammelausfahrt deklariert. Darauf konnten sich mehrere LKW aufreihen, die als Kolonne das Objekt verlassen sollten. Nach rund 150 m erreichte man den Packmittelschuppen. Hier konnten auf 60 m² Fläche Verpackungsmaterialien aufbewahrt werden. An der rechten Seite des Schuppens befand sich ein separater Raum mit knapp 40 m². Darin sind die Gabelhubwagen abgestellt worden, entsprechend der ZDv müßten es 10 Stück gewesen sein. Einige Meter weiter gab es eine Löschwasserzisterne. Laut Lageplan hat sie lediglich 100 m³ aufgenommen, damit gehört sie zu den kleineren Exemplaren. Ab hier zweigen die Lagerstraßen nach rechts ab, an denen die Munitionsbunker aufgereiht stehen.
Interessant ist die Wegeführung. Um Unfällen vorzubeugen, durften alle Lagerstraßen nur in eine Richtung befahren werden. Dementsprechend waren sie mit Beschilderungen als Einbahnstraßen ausgewiesen. Ein- und ausfahrender Verkehr durfte sich nicht überkreuzen. Da in Deutschland rechts gefahren wird, mußte man die Wege auf der Fläche der Liegenschaft demzufolge gegen den Uhrzeigersinn als Einbahnstraßen einrichten.
Bemerkenswert ist die Trafostation, über die das Objekt aus dem öffentlichen Stromnetz versorgt worden ist. Sie stand innerhalb des Depots, nahe dem Bereich der Munitionsbunker. Damit Personal des Stromversorgers die Station erreichen konnte, gab es im Außenzaun eine Pforte, hinter der ein 30 m langer Weg zum Trafo führte. Dieser Weg war selbstverständlich vom übrigen Depot durch einen eigenen Zaun abgeschirmt.
Die Grundfläche der StOMunNdlg Deinste betrug gut 7 ha.

Die Munitionslagerhäuser bekamen eine Überdeckung mit Erde, welche zur Tarnung eine Bepflanzung erhielt. Vor den Bauten befanden sich Vorplätze, auf denen LKW für den Verladevorgang parken konnten. Am Anfang der ersten Lagerstraße stand ein kleiner freistehender Munitionsbehälter. Dieser diente zur Aufbewahrung von hauptsächlich Patronen für Handfeuerwaffen. Er wird aus Waschbeton bestanden haben und hatte an der Vorderseite eine zweiflügelige Tür. Als nächstes findet man ein kleineres MLH 30 am Weg, benannt mit der Ziffer 1. Danach folgen sechs größere MLH 60 mit den Nummern 2-7. An der zweiten Lagerstraße sind alle Bunker vom Bautyp MLH 60, numeriert mit 8-14. Am dritten Weg folgen die Nummern 15-21, wobei der letzte ein MLH 30 war. An der vierten Straße stehen die MLH 60 mit den Kennungen 22-26. Und schließlich folgen an der nördlichsten Straße die Bunker 27-29. Es gab somit nur 2x MLH 30 aber gleich 27x MLH 60 in diesem Munitionsdepot. Die gesamte Nutzfläche betrug dementsprechend 1.680 m². Verglichen mit anderen StOMunNdlg ist das eine beachtliche Größe.
Es ist gut möglich, daß in Deinste Kampfmittel für Einheiten auch aus weiter entfernten Standorten deponiert worden sind. Der Aufbau von StOMunNdlg erfolgte nach dem Stand, der zur Zeit der Errichtung erforderlich war. Die Bundeswehr durchlebt seit ihrer Aufstellung stetigen Wandel. Es wurden immer wieder Einheiten neu aufgestellt, an andere Standorte verlegt oder aufgelöst. Die statischen Depots konnten diesen Veränderungen kaum folgen. Als Resultat paßten die Munitionsniederlagen später oft nicht mehr zum eigentlich vor Ort bestehenden Bedarf. Ausbauten konnten nur eingeschränkt verwirklicht werden und beanspruchten einen größeren zeitlichen Rahmen. So kam es dazu, daß man die Munition für manche Einheiten in anderen Objekten deponierte, die teils weit entfernt waren.

Als ortsfeste Einrichtungen sind die Standortmunitionsniederlagen organisatorisch dem Territorialheer zugeordnet gewesen. Nutznießer waren aber in den meisten Fällen Truppen des Feldheeres. Das Zuständigkeitsgebiet des Verteidigungskreiskommandos 253 Stade erstreckte sich über die Landkreise Stade und Cuxhaven. Alle ortsfesten Objekte in der Region, wie Standortmunitionsniederlagen, Standortschießanlagen und Übungsschießanlagen Fliegerabwehr aller Truppen, trugen Kennungen, beginnend mit der Ziffer 253. Für die Garnison Stade gab es neben der hiesigen StOMunNdlg 253/2 noch die Standortschießanlage 253/3 in Agathenburg.

Überliefert ist eine vorübergehende besondere Einlagerung in der StOMunNdlg Deinste. In der früheren Festung Grauerort an der Elbe, 20 km nördlich gelegen, ist von der Firma Kaus & Steinhausen bis 1985 eine Delaborierung betrieben worden. Das Unternehmen hatte überlagerte Munition aus Beständen von Bundeswehr und NATO-Partnern zerlegt und entsorgt. Diese Aktivitäten liefen bis 1985 in der Festung, dann zog man um in die frühere Sprengstoffabrik der Verwertchemie in Dragahn. Bis dahin wurde in Deinste auch Munition aufbewahrt, die zur Entsorgung anstand.

Bald nach Ende des Kalten Krieges gab die Bundeswehr das Konzept der Einlagerung von Gefechtsmunition in der Nähe der einsetzenden Einheiten auf. Der Bedarf für die StOMunNdlg Deinste entfiel somit. Das Objekt hat man als Folge im Jahr 1994 geräumt und geschlossen.
Das zuständige Bundesvermögensamt Soltau schrieb in 2001 die Liegenschaft zum Verkauf aus. 2002 erfolgte der Eigentümerwechsel. Nach Umbauten und Ergänzungen nahmen die neuen Besitzer hier Tierzucht auf.

 Zustand: 
Nach dem Verkauf der StOMunNdlg Deinste erfolgten im Laufe der Jahre mehrere Um- und Ausbauten für neue Nutzungen. Das erbrachte eine grundlegende Umwandlung der gesamten Liegenschaft. Das frühere Aussehen eines Munitionsdepots ist somit inzwischen kaum noch gegeben.

 Zugang: 
Das gesamte Objekt ist heute nicht mehr zugänglich.

Blick aus der Vogelperspektive mit Google Maps:
Google Maps

Fotos:

Haupteinfahrt
Die Haupteinfahrt der StOMunNdlg Deinste in früheren Zeiten.

Haupteinfahrt
Im Rahmen der Nachnutzung wurden diverse Um- und Ausbauten vorgenommen.

Bild Notausfahrt
Notausfahrt.

Pforte
Diese Pforte ermöglichte den Zugang zu einer im Depot stehenden Trafostation.

Wachgebäude
Hier ist das Dienst- und Wachgebäude in seiner ursprünglichen Auslegung zu sehen.

Packmittelschuppen
Der Packmittelschuppen in der üblichen Holzbauweise. Hinter dem Tor rechts war der Abstellraum für Gabelhubwagen.

Löschwasserzisterne
Die Löschwasserzisterne gehörte mit lediglich 100 m³ Fassungsvermögen zu den kleineren Exemplaren.

MLH
An der nördlichen Lagerstraße stehen die MLH 29-27.

Sprechstelle
Hinten rechts ist eine Sprechstelle der Wachpostenmeldeanlage zu sehen.

MLH
Bunker Nummer 23 ist ein MLH 60, entsprechend 60 m² Nutzfläche. Die in Deinste verbreitetste Größe.

MLH
Das gleiche Munitionslagerhaus aus anderem Blickwinkel.

Karte
Maßstab

Quellenangabe:
- BIMA: Exposé Ehemalige Standortmunitionsanlage Deinste
- Bundeswehr: ZDv 73/1 - Raum- und Flächennormen der Bundeswehr
 
Copyright: © by „Relikte in Niedersachsen und Bremen“.
Impressum & Datenschutz
Seitenanfang