Die Atomwaffenlager in Niedersachsen

 Relikte des Kalten Krieges: 
Im Verteidigungsfall sollten große Teile der Bundeswehr und alle in Niedersachsen stationierten Verbände der Verbündeten der NATO direkt unterstellt werden. Die Verteidigungsdoktrin der NATO sah für einen gewissen Kampfverlauf auch den Einsatz von Atomwaffen durch alle in Frage kommenden Verbände vor. Außer den USA, Großbritannien und Frankreich hatten jedoch alle weiteren Mitgliedsländer auf den Besitz von Nuklearwaffen verzichtet. Diesen Zustand umging man durch einen Trick: die Waffen blieben unter US-Hoheit, wurden aber bereits in der Nähe der potentiellen Waffensysteme der NATO-Partner gelagert und dort von US-Truppen verwaltet. Der Einsatzbefehl für diese Waffen wäre von der US-Regierung gekommen.
Die Lager und Einsatzstellungen waren mit einem Doppelzaun gesichert, der auch die Verantwortungen sichtbar machte: der äußere Bereich wurde von der Bundeswehr bewacht, der innere von der US-Army.
Als Einsatzmittel waren vorgesehen: Rohrartillerie ab 155 mm und schwere Raketenartillerie sowie bei der Luftabwehr das FlaRak-System Nike-Hercules. Im Sprachgebrauch der Bundeswehr wurde die nukleare Munition als Sonderwaffen oder Sondermunition umschrieben, bei der FlaRak auch als X-Sprengköpfe.

Für Niedersachsen ergaben sich folgende Konstellationen:
Heerestruppen - nur Bundeswehr:
Beim Heer waren für den Einsatz der Munition besonders ausgebildete Artillerie-Spezialzüge vorhanden, die nur für den Verschuß der Sondermunition die Waffen konventioneller Verbände übernommen hätte.
Das I. Korps (Münster) als übergeordneter Verband lag mit der Masse seiner Verbände in Niedersachsen. Im Ernstfall war ein Verteidigungsabschnitt zwischen Braunschweig und Uelzen vorgesehen. Ein zentrales Atomwaffenlager für das I. Korps existierte in Lahn bei Sögel (-#1-), das zugehörige US-Personal war die 552nd USArmy-ArtilleryGroup, stationiert in Sögel. Das Nachschubbataillon (SW=Sonderwaffen) 120 der Bundeswehr lag in der Nähe in Werlte. Deren 2. Kompanie stellte die Soldaten zur Bewachung des Lagers.
Auf der nächst untergeordneten Hierarchieebene folgen die drei niedersächsischen Divisionen mit diesen Lagern:

  • 1. Panzerdivision (Hannover): im ehemaligen Eibia-Werk Liebenau (-#2-), verwaltet vom 32nd USArmy-FieldArtilleryDetachment (Nienburg) und bewacht von der Begleitbatterie 1.
  • 3. Panzerdivision (Buxtehude): in einem Lager nahe Diensthop (-#3-) bei Dörverden, verwaltet vom 25th USArmy-FieldArtilleryDetachment und bewacht von der Begleitbatterie 3.
  • 11. Panzergrenadierdivision (Oldenburg): in der ehemaligen Muna Dünsen (-#4-), verwaltet vom 5th USArmy-FieldArtilleryDetachment und bewacht von der Begleitbatterie 11.

Darüber hinaus gab es in Niedersachsen eine große US-Garnison in Garlstedt. Es ist zu vermuten, daß diese ebenfalls mit Nuklearwaffen bestückt war, die Einlagerung dürfte in der ehemaligen Muna Lübberstedt (-#18-) gewesen sein.
Luftwaffenverbände - Bundeswehr und Niederländische Armee:
Bei den Luftwaffenverbänden gab es nur zur Zeit des FlaRak-Systems Nike-Hercules eine Einbindung von Atomwaffen. Dieses Waffensystem hätte im Ernstfall zur Abwehr der östlichen Bomberflotten in großer Höhe Nuklearexplosionen ausgelöst - über dem eigenen Territorium! 1988 kam des Ende dieser Phase, aufgrund eines NATO-Beschlusses hat man die zugeordneten Nuklearwaffen abgezogen. Zur Struktur der FlaRak siehe Seite NATO-FlaRak-Gürtel in Niedersachsen.
Von den drei Sections einer Feuerstellung waren meistens eine rein konventionell und, in einem durch besonderen Zaun und US-Wache extra abgesicherten Bereich, zwei gemischt nuklear ausgelegt. Maximal waren je Stellung zehn Nuklear-Sprengköpfe vorhanden, acht mit der Stärke XS mit 2 kT und zwei XL mit 30kT Sprengkraft. Die atomaren Gefechtsköpfe wurden, fertig in die Flugkörper montiert, in Feuerbereitschaft gehalten, die US-Teams hätten die Scharfschaltung vorgenommen. 1983/84 sind in einigen Stellungen diese X-Waffen-Sicherheitsbereiche mit besonders geschützten Bauten versehen worden.
In Niedersachsen waren folgende FlaRak-Verbände stationiert:

  • FlugabwehrRaketen-Bataillon 24 (Delmenhorst-Deichhorst), verwaltet vom 51st USArmy-FieldArtilleryDetachment (Delmenhorst-Adelheide), aufgeteilt auf die Teams in den Stellungen: Alpha Moorriem (-#5-) (nur bis 1978), Bravo Schönemoor (-#6-) (nur bis 1978), Charley Westerscheps (-#7-) und Delta Ristedt (-#8-).
  • FlugabwehrRaketen-Bataillon 25 (Barnstorf-Eydelstedt), verwaltet vom 42nd USArmy-FieldArtilleryDetachment, aufgeteilt auf die Teams in den Stellungen: Alpha Wuthenau (-#9-), Bravo Wagenfeld (-#10-), Charley Brägeler Moor (-#11-) (nur bis 1979) und Delta auf dem ehemaligen Einsatzhafen Varrelbusch (-#12-) (nur bis 1979).
  • FlugabwehrRaketen-Bataillon 26 (Hohenkirchen): verwaltet vom 35th USArmy-FieldArtilleryDetachment, aufgeteilt auf die Teams in den Stellungen: Alpha Friederikensiel (-#13-), Bravo Rodenkirchen (-#14-), Charley Wiesmoor (-#15-) und Delta Dornum (-#16-).
  • Von der Niederländischen Luftwaffe deren 1. GroepGeleideWapens Münster-Handorf/Nordrhein-Westfalen) (ab 1975 12. GGW, Bramsche-Hesepe) mit in Niedersachsen nur einer nuklear bestückten Stellung, der 118. Squadron, auf dem ehemaligen Einsatzhafen Vörden: verwaltet vom 509th USArmy-FieldArtilleryDetachment , mit dem Alpha-Team in der Stellung Vörden (-#17-)

 Zustand: 
Die FlaRak-Stellungen Nike-Hercules sind bereits Ende der achtziger Jahre nach Ablösung des Systems umgebaut oder freigezogen worden. Nach Ende des Kalten Krieges wurde eine direkte und schnelle Einbindung von Atomwaffen in die Heeres-Verbände der Bundeswehr aufgegeben. Die Sonderwaffenlager in Niedersachsen wurden aufgelöst, die Depots sind fast alle endgültig geschlossen worden.

 Zugang: 
Nahezu alle ehemaligen Atomwaffenlager und FlaRak-Stellungen dürfen nach wie vor nicht betreten werden.

 Hinweis: 
Das Web USArmyGermany.com zeigt die 59th Ordnance Brigade mit allen Einzelheiten:
http://www.usarmygermany.com/Units/Ordnance/USAREUR_59thOrdBde.htm Englisch
Über das FlaRak-System Nike mit seinen Stellungen existiert ein interessantes Web:
http://www.nikesystem.de Englisch
Darin auch eine Seite der 5th USArmy-ArtilleryGroup:
http://www.nikesystem.de/Pages/USA/nike_5th_arty.html Englisch

Die Numerierung ist oben im Text erläutert

-#3-  Bilder vom Sonderwaffenlager der 3. PzDiv bei Diensthop
Die zwei Munitionsbunker des Lagers
Wachgebäude mit Wachturm in besonders gesicherter Betonbauweise -#2-  Zum Vergleich die beiden baugleichen, inzwischen zugeschütteten Munitionsbunker im SW-Lager der 1. PzDiv in Liebenau
-#15-  Bilder vom X-Waffenbereich der Nike-Stellung Ristedt
Das ursprüngliche Guardhouse der US-Army Betonwachturm der Sicherungsausbauten von 1983/84
Absicherung durch Doppelzaun mit massivem Wachturm Einer der zwei nuklear bestückten Nike-Shelter

Diese Seite ist Bestandteil des Web "Relikte in Niedersachsen und Bremen".
Copyright © beim Webmaster der "Relikte".