Bis 1945:
Die offizielle Bezeichnung der hier vorgestellten Anlage lautete Heeres-Munitionsanstalt Walsrode. Sie unterstand dem in Hannover beheimateten Feldzeug-Kommando XI. Gebräuchlich gewesen sind die Kurzbezeichnungen Muna Walsrode und, entsprechend der Örtlichkeit, Muna Beetenbrück.
Das Objekt liegt rund 4 km südlich des Zentrums von Walsrode. Aus der Stadt führt eine Landesstraße in südlicher Richtung nach Hodenhagen. Parallel zur Straße verläuft die damals durch die Reichsbahn betriebene Strecke von Soltau nach Hannover. Der erste Bahnhof an diesem Abschnitt war die heute aufgegebene Station Düshorn. Dort befindet sich die aus nur wenigen Häusern bestehende Gemarkung Beetenbrück. 1 km westlich dieses Ortes ist 1938, losgelöst von der auf dieser Seite behandelten Heeres-Munitionsanstalt Walsrode, die Heeres-Nebenmunitionsanstalt Walsrode aufgebaut worden. Über letztere berichtet eine separate Seite.
Für den Aufbau der HMa Walsrode hat man ein Gelände am nördlichen Rand der Ahrensheide ausgewählt. Zwischen der Südgrenze der Muna und der Nordgrenze der Nebenmuna betrug der Abstand nur 300 m. Im Osten begrenzen die zuvor erwähnten Strecken der Landesstraße und der Reichsbahn das Gebiet. Im Westen ist es der Fluß Böhme. Die Umgebung war seinerzeit nur spärlich besiedelt; ein Aspekt, der für einen Betrieb mit Munitionsproduktion Bedeutung hatte. Grundsätzlich ist für den Aufbau von Munitionsanstalten eine Waldfläche bevorzugt worden. Dicht stehende Bäume boten Sichtschutz gegen feindliche Luftaufklärung. Hier vor Ort handelte es sich dagegen zum Zeitpunkt der Errichtung um eine Heidefläche, die nur zum Teil bewaldet war. Mit dem Aufbau der Muna erfolgte dementsprechend auch eine Aufforstung.
Eine weitere für die Einrichtung und den laufenden Betrieb wichtige Voraussetzung ist die Nähe einer Eisenbahnstrecke gewesen. Seinerzeit liefen fast alle Transporte von Massengütern auf der Schiene. Dementsprechend mußte ein Anschlußgleis bis in die Anstalt führen. Interessanterweise ist die Verbindung nicht von der östlich angrenzenden staatlichen Reichsbahnstrecke hergestellt worden. Knapp 1 km westlich verlief ein Gleis der privaten Verden-Walsroder Eisenbahn. Das Anschlußgleis zur Muna hat man dort bei Benzen auf freier Strecke angebunden. Möglich ist, daß diese Option für Eisenbahnen aus betrieblicher Sicht einfacher genutzt werden konnte, als die Anbindung an eine deutlich höher frequentierte Hauptbahn. Hier war aber ein größerer Aufwand zu betreiben. Rund 1 km Schienenstrang wurde bis zum Eisenbahntor gebaut, und eine mit drei Bögen einigermaßen aufwendige Brücke über die Böhme ist erforderlich gewesen.
Die Arbeiten zum Aufbau der Muna Walsrode begannen 1937. Im Folgejahr entstand weiter südlich die Nebenmuna. Diese konnte aufgrund der leichten und provisorischen Bauweise schon nach einigen Monaten fertiggestellt werden. Dagegen dauerte es bei der Muna mehrere Jahre; es waren zahlreiche Gebäude zu errichten, darunter viele Munitionsbunker in sehr massiver Bauweise. Die Grundfläche des Objektes umfaßt rund 190 ha.
Für die Auslegung einer Munitionsanstalt gab es übergreifend gültige Vorgaben. So sind in weiten Teilen in allen Objekten gleiche Gebäude und Anlagen zu finden. In Heeres-Munitionsanstalten bekamen alle Bauwerke eine Typ-Kennziffer aus der Raumbedarfsnachweisung (RBN). Diese bestimmte die Funktion, bei der baulichen Ausführung gab es allerdings Anpassungen an den örtlichen Bedarf. Außerdem konnten einige Bauten im regional üblichen Stil errichtet werden. Damit sollte zur Verschleierung ein ziviles Aussehen entstehen.
Die Haupteinfahrt hat man in der nordöstlichen Ecke der Liegenschaft angesiedelt. Das Tor wurde flankiert von der Wache und einem weiteren Gebäude. Von dort führt der Hauptweg der Muna nach Westen. Nach wenigen Metern folgt rechts die Kommandantur. Nördlich dieses Bereiches ist das Arbeitslager aufgebaut worden. Soweit ermittelbar bestand es aus vier großen Wohnbaracken (RBN 58) und einem Verwaltungsgebäude (RBN 60). Dazu kam eine zweiflügelige Wirtschaftsbaracke (RBN 59), mit Küche und einem Speisesaal, der auch für Gemeinschaftsveranstaltungen genutzt werden konnte. Noch weiter nördlich schloß ein Barackenlager an, vermutlich standen dort hauptsächlich Holzbaracken für die Unterbringung von Bauarbeitern und später Fremd- und Zwangsarbeitern.
Auf der Südseite des Hauptweges entstand der Garagenhof, bei dem an drei Seiten Funktionsgebäude standen, wie Werkstatt und Kraftfahrzeughallen. Als nächstes kreuzt das Gleis der Anschlußbahn. Rechts des Weges steht der Lok-Schuppen für die Unterbringung der Muna-eigenen Diesellokomotive. Innerhalb der Muna verzweigte sich das Anschlußgleis und führte in einem weiten Bogen durch die Anlage. An diversen Bauten gab es Verladerampen für das direkte Umladen auf die Eisenbahn. Die gesamte Streckenlänge ab Abzweigung von der Verden-Walsroder Eisenbahn wird rund 7 km betragen haben, eingeschlossen Abstell- und Umsetzgleise.
Weiter in westlicher Richtung folgt südlich des Hauptweges das Arbeitsgebiet der Munitionsanstalt, in dem die Herstellung von Kampfmitteln stattfand. Auf Luftbildern lassen sich typische Gebäude in der üblichen Anzahl erkennen: Fünf Munitionsarbeitshäuser (MAH) und etwas abgesetzt zwei Handmunitionshäuser.
In den langgestreckten Munitionsarbeitshäusern (RBN 24 oder 24a) wurde die Munition befüllt und schußfertig gemacht. Auch die Überprüfung bereits eingelagerter Fertigprodukte hat man hier durchgeführt. In den Gebäuden befanden sich üblicherweise Maschinen zur Bearbeitung bestimmter Munitionssorten. So konnten pro Arbeitshaus unterschiedliche Kampfmittel gefertigt werden. Im Regelfall änderte sich die Munitionsproduktion im Lauf der Betriebszeit.
Mit etwas Abstand zu den MAH gab es zwei Handmunitionshäuser (RBN 26). Darin wurde ein Handvorrat an Pulver, Kartuschen, Geschossen und Zündern deponiert. Dieses war ein Zwischenlager für die anschließende Verarbeitung in den Arbeitshäusern.
In dem Gebiet ist auch die Hülsenreinigung (RBN 23) zu finden. Abgeschossene Granaten- und Kartuschenhülsen hatte man vom Ort des Einsatzes wieder an die Munitionsanstalten zurückgeliefert. Grundsätzlich konnten die Hülsen aus Stahl oder Messing mehrfach verwendet werden. In der Hülsenreinigung ist der erste Schritt eine chemische Säuberung gewesen. Die gereinigten Hülsen sind anschließend auf Schäden geprüft worden, Verbeulungen und ähnliches waren mit Preßmaschinen wieder in Form zu bringen.
Der Vergleich von Luftbildern des Jahres 1945 mit aktuellen Aufnahmen zeigt, daß mehrere Gebäude nach dem Krieg abgerissen worden sind. Bei einzelnen noch heute vorhandenen kann die Funktion anhand von Luftaufnahmen nicht benannt werden. Es müßte aber noch zwei weitere kleine Gebäude im Umfeld der Arbeitshäuser gegeben haben. Zum einen ist das Löthaus (RBN 25a) zu nennen. Die Zünder für die Munition sind meist in Metallbehältern aufbewahrt worden. In dem Gebäude konnte man diese auflöten und im Bedarfsfall wieder verschließen. Zum zweiten gab es eine Pechküche (RBN 29). In dieser wurden Peche und Wachse für die Weiterverarbeitung verflüssigt.
Weitere Funktionsgebäude waren sicherlich vorhanden, sind aber nicht zu lokalisieren. Es wird mindestens ein Heizwerk gegeben haben, welches die diversen Arbeitshäuser und Unterkünfte mit Wärme versorgte. In jeder Muna gab es ein Lagerhaus für feuergefährliche Stoffe (RBN 25), dort wurden Kraft- und Schmierstoffe deponiert. Der Produktionsbetrieb verbrauchte viel Wasser. Für das Reinigen der Abwässer gab es am Nordrand der Muna eine Kläranlage. Insbesondere in der Hülsenreinigung kamen giftige Chemikalien zum Einsatz. Es wird dafür eine separate Entgiftung gegeben haben.
Ebenfalls zum Arbeitsgebiet zählten die zahlreichen Lagerhäuser (LH). Diese dienten unter anderem zur Aufbewahrung von Packmitteln, dementsprechend hatte man sie auch als Packmittelschuppen bezeichnet. Nicht explosive Munitionsteile konnten ebenso darin gelagert werden, beispielsweise leere Hülsen. Die Bauten standen in der Liegenschaft verteilt, mit Schwerpunkt nördlich des Arbeitsgebietes. Die Mehrzahl gehörte zum Typ großes Lagerhaus (RBN 27) mit 1.000 m² Nutzfläche. Davon sind heute aus der Vogelperspektive drei unterschiedliche Ausführungen zu sehen. Am häufigsten vertreten ist die Bauform mit einem Grundriß in H-Form. Außerdem sieht man einige mit angedeutet U-förmigen Grundriß. Wenige LH weisen eine schlichte rechteckige Auslegung auf. Letztere sind vermutlich in einer späteren Phase entstanden, als aufgrund von Materialknappheit der bauliche Aufwand reduziert werden mußte. Weiterhin sind in geringerer Zahl kleine Lagerhäuser (RBN 27a) mit 500 m² Nutzfläche zu erkennen.
Für die Versorgung der Beschäftigten stand schräg hinter der Hülsenreinigung ein großes Gemeinschaftsgebäude (RBN 9). Hier gab es einen Speisesaal, der wie auch das Gegenstück im Arbeitslager, für Versammlungen genutzt werden konnte.
Den flächenmäßig größten Anteil der Liegenschaft beansprucht das Lagergebiet. Es erstreckt sich vom westlichen über den südlichen bis zum östlichen Bereich des Geländes. Hier hat man in massiver Bauweise die zahlreichen Munitionsbunker errichtet. Am häufigsten gibt es den Typ Großes Munitionshaus mit 200 m² oder 300 m² Nutzfläche. Dazu kommen 12 des Typs Kleines Munitionshaus mit nur 50 m² Lagerraum.
Die Munitionsbunker wurden mit massivem Mauerwerk und Stahlbeton errichtet. Öffnungen gibt es nur an der Vorderseite für ein bis drei Eingänge, und auf dem Dach befinden sich mehrere Kamine zur Belüftung. Vorgesehen war eine Überdeckung mit Erde, welche zum Schutz gegen feindliche Luftaufklärung eine Bepflanzung erhielt.
Wie zuvor erwähnt gibt es die Bunker in drei verschiedenen Größen. Der Typ Kleines Munitionshaus (RBN 30b) mit nur 50 m² Nutzfläche weist an seiner Vorderseite einen Eingang auf. Die Bunker dienten hauptsächlich zur Aufbewahrung von Zündern, die Bauten sind daher auch als Zünderhäuser bezeichnet worden. Davon sind in fast allen Munitionsanstalten 12 Stück vorhanden, so auch in Walsrode.
Der Typ Großes Munitionshaus entstand in zwei Größen. Die kleinere Form hat eine Nutzfläche von 200 m² und verfügt über zwei Eingänge. Sie trugen die Kennung RBN 30a. Diese Bauten sind in der hiesigen Muna am häufigsten aufzufinden. 30 Exemplare können heute gezählt werden. Mit 300 m² Nutzfläche deutlich größer ist die Bauform mit der Kennung RBN 30. Bei diesen Bunkern führen drei Tore in den Innenraum. Davon sind 5 Exemplare zu sehen.
Eine Standardauslegung, die bei vielen Heeres-Munitionsanstalten vorgesehen wurde, sah die Errichtung von 92 geschützten Munitionshäusern (MH) für die Deponierung von Munition, Pulver und Zündern vor. Die Anzahl teilte sich auf in 80 Bauten des Typs Großes Munitionshaus und 12 des Typs Kleines Munitionshaus. Wieweit diese Planung auch für die Muna Walsrode bestand, ist nicht klar. Aber soweit ermittelbar erreichte das hiesige Objekt solche Zahlen bei weitem nicht. Es konnte aber auch in anderen Standorten meist nicht alles realisiert werden. Heute sind in Walsrode mittels Luftaufnahmen und digitalem Geländemodell in Summe nur 47 Munitionsbunker erkennbar. Immerhin sind alle 12 kleinen MH umgesetzt worden.
Schon zu Zeiten des Aufbaus der Muna hatte man die Standplätze von Munitionsbunkern in höherer Zahl vorbereitet. Nicht erkennbar ist, ob Bunker nach Kriegsende gesprengt wurden. Luftbilder von 1945 zeigen zahlreiche Behelfs-Munitionshäuser. Dabei sind auf den für Bunker vorbereiteten Standplätzen einfache gemauerte Schuppen errichtet worden. Diese bekamen keine Erdüberdeckung. Der Schutz gegen äußere Einwirkungen, ebenso bei Explosionen im Inneren, war geringer. Es sind noch heute fast 40 solcher Bauten zu zählen.
Grundsätzlich sollte es in HMa 5 Infanterie-Patronenhäuser (RBN 32) geben. Diese dienten hauptsächlich der Lagerung von Patronen für Handfeuerwaffen. Ob sie in Walsrode existieren kann nicht festgestellt werden. Insbesondere, da sie aus der Vogelperspektive das gleiche Aussehen wie die Behelfs-Munitionshäuser haben würden.
Bei Engpässen in der Lagerung mußte man sich mit Freilagerplätzen begnügen. Durch nicht bebaute Standplätze von Munitionsbunkern gab es davon in der hiesigen Anlage einige Möglichkeiten. Dort wurden Munitionsstapel unter freiem Himmel aufgeschichtet, abgedeckt lediglich mit Planen.
Die offizielle Aufstellung der Dienststelle HMa Walsrode erfolgte am 1. Juni 1940. Zum 1. August des Jahres wurde die Dienststelle der weiter südlich liegenden HNMa Walsrode aufgelöst. Das Objekt ist gleich anschließend der HMa Walsrode als Munitionslager unterstellt worden.
Erwähnt wird, daß man Munition für Panzer und Artillerie sowie Minen hergestellt hat. Im Verlauf des Krieges erbrachten die Fortentwicklungen der Waffensysteme beständig ansteigende Zerstörungskraft, unter anderem durch die Steigerung von Kalibergrößen. Dementsprechend mußten auch in den Betrieben der Munitionsfertigung immer mächtigere Kampfmittel hergestellt werden. Die in der Muna gefertigte Munition unterlag entsprechenden Veränderungen.
Die Dienststelle war Teil der Wehrmacht, es ist aber nur wenig militärisches Personal hier beschäftigt gewesen. In größerer Anzahl sind Zivilisten eingesetzt worden. Das geschah oft im Rahmen einer Dienstverpflichtung. Da Männer vermehrt zum Militär einberufen wurden, kamen vorrangig Frauen in der Munitionsfertigung zum Einsatz. Kräfte die in der Umgebung wohnten, konnten täglich zur Arbeitsstelle pendeln. Der Personalbedarf war aber nicht allein durch Ortsansässige abzudecken. Auch aus entfernteren Regionen hat man Personal herangezogen. Zu deren Unterbringung diente das in der nördlichen Ecke befindliche Arbeitslager.
Schließlich wurden auch in fremden Ländern, in denen die Wehrmacht einmarschiert war, Arbeitskräfte rekrutiert. Zunächst gelang das teils noch auf freiwilliger Basis, später hat man immer mehr Zwang ausgeübt. Entsprechend der Rassenideologie der Nationalsozialisten mußten insbesondere Osteuropäer die gefährlichen Arbeiten ausführen. Zum Beispiel wurden sie ohne Schutz den Chemikalien in der Munitionsproduktion ausgesetzt. Zur Unterbringung ist das Fremdarbeiterlager Beetenbrück mit einer Kapazität für 120 Kräfte dokumentiert. Es wird sich dabei um Baracken am Nordrand der Anstalt gehandelt haben.
Im Zusammenhang mit diesen Beschäftigten wird von einem Explosionsunglück in der HMa Walsrode berichtet. Es ereignete sich am 18. Dezember 1942. Zehn Frauen aus der Sowjetunion verloren dabei ihr Leben. Man hat sie auf dem Friedhof in Düshorn beerdigt.
In den letzten Monaten des II. Weltkrieges befahl die Wehrmacht die Evakuierung von Wehrmaterial, welches dem Gegner nicht in die Hände fallen durfte, aus östlichen Gebieten Richtung Westen. Die Ostfront bewegte sich längst stetig auf das Deutsche Reich zu. Es ging dabei unter anderem um erst in den letzten Jahren neu entwickelte hochgefährliche Kampfstoffmunition. Als Ziel der Eisenbahn-Transporte wurden mehrere im Westen liegende Munitionsanstalten benannt. Auch die Muna Walsrode mußte nun 3.870 t dieser Kampfmittel aufnehmen.
Schließlich kämpften sich die Alliierten auch aus Richtung Westen durch das Reichsgebiet voran. Nun wollte man als letzte Maßnahme die Kampfstoffbestände in Häfen auf Transportkähne verladen, um diese in Abstellräume auf Weser und Elbe zu verbringen. Für die Evakuierung sollten im April 1945 wieder in aller Eile Eisenbahnzüge organisiert werden. Allerdings hat das in Walsrode nicht mehr funktioniert, die Kampfstoffe lagen am Kriegsende noch in der hiesigen Anstalt.
Abgesehen von den zuvor beschriebenen Ereignissen lief der Betrieb in der Muna Walsrode bis zum Ende des Krieges weitgehend ungestört. Wie auch im Umfeld anderer Munitionsanstalten und Pulverfabriken, wird vor Ort gerne behauptet, daß die Muna wegen ihrer perfekten Tarnung von den Alliierten nicht entdeckt und daher auch nicht bombardiert wurde. Das ist jedoch falsch. Den Alliierten war die Existenz dieser und weiterer Anlagen durch intensive Luftaufklärung sehr wohl bekannt. Das zeigt explizit ein Luftbild von 1945. Darauf ist die gesamte Liegenschaft sehr auffällig, insbesondere da die meisten Munitionshäuser keine tarnende Erdüberdeckung erhalten hatten. Gezielte Luftangriffe auf die HMa sind jedoch nicht durchgeführt worden. Dieser Umstand ist bei den meisten Anlagen gleicher Art gegeben gewesen. Die Priorität bei Bombenangriffen lag auf Verkehrs-Infrastruktur und Industrie.
Grundsätzlich bestand für alle vergleichbaren Objekte ein Befehl, die Infrastruktur vor Heranrücken des Gegners zu zerstören. Vermutlich konnte man das hier insbesondere durch die vorhandene gefährliche Kampfstoffmunition nicht durchführen. Demnach befand sich die Anlage am Kriegsende in einem unversehrten Zustand.
Am 15. April 1945 kämpften sich Verbände der britischen 7th Armoured Division aus Richtung Süden kommend auf der Westseite der Böhme bis nach Walsrode vor. Zeitgleich zogen die letzten deutschen Einheiten auf der Ostseite des Flusses nach Norden ab. Damit endete der II. Weltkrieg für die Gegend.
Ab 1945:
Die British Army besetzte nach Kriegsende die Muna Walsrode. Sie mußten zunächst die eingelagerten Kampfmittel sichten und anschließend entsorgen. Dabei wurden auch die knapp 4.000 t Kampfstoffe abtransportiert. Diese sind vermutlich in der Nordsee oder der Ostsee versenkt worden, wie es mit dem größten Teil solcher Gifte auch aus anderen Standorten erfolgt ist.
Es gibt in einer Auflistung der Briten die Feststellung, daß hier 187 Bauwerke abgerissen werden sollen. Das hatte die 100 Munitionsschuppen in der Nebenmuna eingeschlossen, sonst wäre die hohe Zahl nicht zu erreichen gewesen. Während man letztere tatsächlich allesamt geschleift hat, blieben in der HMa wohl die meisten, wenn nicht alle Munitionshäuser stehen. Als Begründung ist zu vermuten, daß die Army den großen und in der Nähe befindlichen Truppenübungsplatz Bergen nutzen wollte und daher Bedarf an einem Munitionslager in der Gegend bestand.
Nach dem Krieg kamen durch den Zustrom von Vertriebenen aus den ehemals deutschen Ostgebieten viele Flüchtlinge nach Westdeutschland. Die British Army stellte die Baracken am Nordrand der Muna für deren Einquartierung zur Verfügung. Bereits 1946 ist in dem Lager eine Schule eingerichtet worden.
Mit dem fortschreitenden Wiederaufbau Deutschlands konnte in den 1950er Jahren ein Barackenräumprogramm begonnen werden. Damit hatte man zahlreiche neue Wohnhäuser errichtet, um die Menschen aus den Provisorien in dauerhaften Wohnraum umsiedeln zu können. Als eines der Bauvorhaben entstand komplett neu gegenüber der Haupteinfahrt der Muna die „Siedlung Beetenbrück“, seinerzeit Ostlandsiedlung genannt. Die Räumung der Muna-Baracken zog sich allerdings sehr lange hin, Ende 1966 waren noch immer nicht alle Bewohner abgesiedelt.
Nachdem die Bundeswehr 1956 aufgestellt worden ist, übergaben die Briten die Liegenschaft am 1. Juli 1960 wieder in deutsche Hände. Allerdings blieb ein kleines Kontingent der Army hier stationiert, um weiterhin auch britische Munition einzulagern.
Die Bundeswehr richtete in dem Objekt zuerst ein Munitionsdepot und eine Behelfs-Standortmunitionsniederlage ein. Als offizielle Ortsbezeichnung wurde weiterhin stets Walsrode angegeben. Umgangssprachlich hat man nun allerdings häufig Beetenbrück genutzt.
Am 1. August 1960 erfolgte die Aufstellung des „Munitionsdepot Walsrode“. Es blieb bis in die Gegenwart Hausherr der Liegenschaft. Die Dienststelle des Territorialheeres unterstand dem mit Stab in Lingen beheimateten Versorgungskommando 800. Walsrode war eines von drei selbständigen MunDp des Kommandos in Niedersachsen, die anderen befanden sich in Lübberstedt und Liebenau.
Im Laufe der jahrzehntelangen Nutzungsdauer ergaben sich einige Veränderungen an der Infrastruktur für die neue Aufgabe. Schließlich ist nun keine Munition mehr hergestellt, sondern gelagert worden. Neben der Deponierung hat man aber auch eine regelmäßige Untersuchung der Kampfmittel zur Sicherstellung der Brauchbarkeit durchgeführt. Und es kamen wiederverwendbare Munitionsteile von Ausbildungsvorhaben zurück, die nun aufzuarbeiten waren.
Die früheren Munitionsarbeitshäuser (MAH) im Arbeitsbereich konnten für diese Aufgaben umgebaut werden. Sie wurden nun zu Munitionsuntersuchungshäusern (MUH) und Munitionsinstandsetzungshäusern (MIH). Die neuen Bezeichnungen liegen also erkennbar nah an den früheren.
Diverse Gebäude aus Muna-Zeiten sind im Lauf der Zeit abgerissen worden. Das größte dürfte das früher bei der Hülsenreinigung stehende Gemeinschaftsgebäude gewesen sein. Es kamen aber auch zahlreiche Bauten zur Munitionslagerung hinzu. Auf bereits im Krieg geschaffenen Freilagerplätzen hat man einfache Schuppen aufgestellt, die zumindest Wetterschutz boten. Wahrscheinlich wurden sie mit Wellblech errichtet, wie sie auch im MunDp Lübberstedt aufzufinden sind. Auf jüngeren Luftbildern sind sie in Walsrode aber nicht mehr zu sehen.
In der nördlichen Spitze des Geländes entstand auf der Fläche des früheren Barackenlagers ein neuer technischer Bereich mit einer großen befestigten Freifläche dahinter.
Die erwähnte Behelfs-Standortmunitionsniederlage war die erste Bleibe des Sonderwaffenlagers für den Bedarf der mit Stab in Buxtehude beheimateten 3. Panzerdivision. Sie ist nur für eine befristete Nutzung vorgesehen gewesen. Alle Divisionen der Bundeswehr, ausgenommen die 1. Luftlandedivision, verfügten über ein Raketenartilleriebataillon, das als Waffensystem das schwere Artillerieraketensystem Honest John einsetzte. Damit sollten im Verteidigungsfall ausschließlich atomare Sprengköpfe verschossen werden, bezeichnet als Sondermunition. Diese wurde bereits in Friedenszeiten in der Nähe der einsetzenden Verbände gelagert. Die Atomsprengköpfe gehörten den USA und verblieben unter deren Kontrolle. Dazu ist jedem Raketenartilleriebataillon ein US Army Field Artillery Detachment zugeordnet worden. Nur sie konnten den Zugang zu den Waffen ermöglichen. Und sie hielten die Codes für die Aktivierung unter Verschluß.
Im ehemaligen Arbeitslager der Muna standen mehrere Unterkunftsgebäude zur Verfügung, die nun eine Truppenunterkunft für die 5. Batterie des Raketenartilleriebataillon 32 bildeten. Die als Begleitbatterie bezeichnete Einheit wurde am 6. April 1961 in Beetenbrück aufgestellt. In ihr dienten Soldaten mit den Aufgaben Bewachung der Munition und Transport der Waffensysteme. Auch das amerikanische 25th US Army Field Artillery Detachment bekam in der Muna eine Unterkunft.
Es liegen keine Angaben darüber vor, welche Bauten in Walsrode für die Deponierung der Atomsprengköpfe herangezogen worden sind. Man kann aber davon ausgehen, daß auch für dieses Lager die gleichen strengen Vorschriften und Sicherheitsbestimmungen galten, wie in den permanent genutzten Objekten. Sondermunitionslager sollten autark betrieben werden können, dazu gab es eine Notstromversorgung und ein eigenes kleines Heizwerk. Der Transport der Sprengköpfe wurde fast ausschließlich mit Hubschraubern durchgeführt, dementsprechend mußte eine Landefläche im nahen Umfeld vorhanden sein. Für die Sprengköpfe hatte man allerorts Munitionsbunker mit großen Schiebetoren gebaut. Die Eingänge zu den seinerzeit üblichen Standard-Munitionshäusern von Bundeswehr und Wehrmacht waren vermutlich zu klein. Unter Heranziehung dieser Aspekte fällt auf Luftbildern eine geeignete Struktur am nördlichen Rand des Lagerbereiches auf. Dort befinden sich neben einem großen Lagerhaus drei kleine Bauten. Und schräg gegenüber gab es zumindest früher eine Freifläche mit für Hubschrauber ausreichender Größe. Das läßt vermuten, die Atomsprengköpfe sind in diesem Lagerhaus, und nicht in Munitionsbunkern deponiert gewesen. Außerdem war ein Gebäude für Wartungsarbeiten an den Sprengköpfen erforderlich. In dem Umfeld gab es einige weitere alte Lagerhäuser, die sicherlich geeignete Flächen boten.
Das eigentliche RakArtBtl 32 lag seit Aufstellung mit seinen Waffensystemen in der Niedersachsen-Kaserne, Dörverden. Im dortigen Umfeld hatte man von Anbeginn das endgültige Sonderwaffenlager der 3. PzDiv geplant. Die Realisierung zog sich allerdings hin. Erst im Dezember 1971 konnte bei Diensthop die neue Standortmunitionsniederlage 254/1 mit Sondermunitionslager in Betrieb genommen werden. Die deutschen und die amerikanischen Soldaten zogen nun von Beetenbrück nach Dörverden-Barme um.
Die freigewordene Unterbringungskapazität in Walsrode wurde nun für das 1973 hier aufgestellte Nachschubausbildungszentrum 800 genutzt. Diese Einheit unterstand, wie auch das MunDp, dem Versorgungskommando 800. Sie bildete mobilmachungsbeorderte Reservisten im Rahmen von Wehrübungen in logistischen Funktionen aus. Das Zentrum verlegte Anfang der 1980er Jahre in die ehemalige Kampfstoffabrik Leese. In Walsrode ist als Nachfolger das Ausbildungszentrum Stabs- und Versorgungsdienst 52/2 aufgestellt worden. Auch dieses diente der Ausbildung von Reservisten in den betreffenden Funktionen.
Neben dem MunDp gab es in dem Objekt weitere Dienststellen, die für befristete Zeiträume die vorhandenen Lagerkapazitäten nutzen konnten. Die Liegenschaft lag im rückwärtigen Raum des Verteidigungsabschnitts des I. Korps der Bundeswehr. In dem Gebiet wurden diverse Korpsdepots (KDp) aufgebaut, in denen man einen Vorrat an Munition, Kraftstoff und Versorgungsartikeln einlagerte. Am 1. März 1965 erfolgte hier die Aufstellung des Korpsdepot 166 Walsrode. Es bestand bis zum 30. September 1977. Kurz zuvor nahm am 1. August das neu errichtete KDp 173 Thören seinen Betrieb auf. Das läßt den Schluß zu, daß die Einlagerung von Walsrode dorthin verlegt worden ist.
Wie oben erwähnt, hatte die British Army bereits seit kurz nach dem II. Weltkrieg im hiesigen Depot Munition eingelagert. Sie betrieben in der Liegenschaft das „Walsrode Subdepot“ des anfangs in Liebenau untergebrachten 3 Base Ammunition Depot (BAD) des Royal Army Ordnance Corps (RAOC). Das vorgesetzte 3 BAD ist bereits 1953 nach Brüggen-Bracht umgezogen. Neben dem Subdepot war in Walsrode auch eine kleine Einheit der Kampfmittelbeseitigung stationiert, das „Walsrode Detachment“ der 221 Explosive Ordnance Disposal Company (EOD Coy). Die Briten belegten einen Bereich links des Haupttores. Der Außenzaun ist hier in den späteren Jahren ihrer Anwesenheit mit weitgehend blickdichtem Vlies zugehängt gewesen. Eine für britische Liegenschaften verbreitete Maßnahme, als Reaktion auf mehrere Terroranschläge durch die „Provisional Irish Republican Army“ (IRA) auf Standorte der British Army in Deutschland.
Auch weitere NATO-Partner betrieben in Walsrode Lagereinrichtungen. In Dokumenten wird die Belegung durch niederländisches Militär genannt. Zu welchen Zeiten und zu welchem Zweck ist nicht sicher. Am wahrscheinlichsten ist eine temporäre Verwendung als Forward Storage Site (FSTS). Diese Objekte entsprachen den KDp der Bundeswehr.
Für die Niederländer sind bis zum Ende des Kalten Krieges mehrere dieser Versorgungslager aufgebaut worden. Deren Verteidigungsabschnitt schloß nördlich an den der Bundeswehr an und reichte hoch bis zur Elbe. Als südlichstes Depot in ihrem Abschnitt wollten sie die FSTS Neuenkirchen aufbauen. Das Projekt zog sich hin und die Bauarbeiten wurden bis zum Ende des Kalten Krieges nicht mehr begonnen. Auf der Suche nach einer geeigneten Fläche entfernte man sich am Ende recht weit von Neuenkirchen. Die Verwirklichung sollte im Jarlinger Gehege durchgeführt werden. Das liegt 3 km westlich von Bomlitz und 14 km südlich von Neuenkirchen. Das MunDp Walsrode befand sich gut 11 km südlich. Daher könnte hier eine vorübergehende Nutzung bis zu einer - nie realisierten - Inbetriebnahme der FSTS Neuenkirchen erfolgt sein.
Weitere Angaben belegen die Nutzung von Munitionslagerhäusern durch die USA. Die US Army hatte lange Zeit Kampftruppen nur in Süddeutschland stationiert. Der NATO ist die Gefährdung der norddeutschen Tiefebene als potentielles Durchmarschgebiet des Warschauer Paktes stets bewußt gewesen. Zur Abhilfe planten die USA ab Mitte der 1970er Jahre das IIIrd US Corps mit drei Divisionen für Norddeutschland ein. Für eine Brigade als Vorhut entstand eine neue Kaserne in Garlstedt, die 1978 in Nutzung ging. Die Ausstattung weiterer Verbände hatte man in POMCUS-Depots in Nordrhein-Westfalen sowie in den Niederlanden und Belgien eingelagert. Die Soldaten sollten im Spannungsfall eingeflogen werden.
Munition für diese Truppen wurde hauptsächlich in Unit Basic Load-Areas im Umfeld der POMCUS-Depots bereitgehalten. Aber auch in Walsrode soll für diesen Zweck eingelagert worden sein. Erwähnt wird die Anwesenheit der aus Zivilbeschäftigten gebildeten 2056th Civilian Support Group (CSG), Walsrode.
Der Fall der innerdeutschen Grenze und die folgende Wiedervereinigung Deutschlands brachten das Ende des Kalten Krieges. Ab Anfang der 1990er Jahre reduzierten alle Nationen ihre Truppenstärken. Dabei entfielen auch in Walsrode gleich mehrere Nutzungen. Das Ausbildungszentrum 52/2 löste man 1992 auf. Die Niederländer und die Amerikaner waren inzwischen auch nicht mehr anwesend. Die Briten blieben dagegen noch bis Ende 1998.
Das Munitionsdepot der Bundeswehr existiert bis in die Gegenwart. Die Bezeichnungen und die Unterstellungen änderten sich über die Jahrzehnte. Ab 1994 hieß es offiziell Munitionshauptdepot Walsrode, als Bestandteil der Logistikbrigade 1. In dieser Funktion führte es mehrere weitere Depots an anderen Standorten, meist als Materialaußenlager. Darunter waren unter anderem das MunDp Liebenau, sowie die früheren Korpsdepots 168 Scharnhorst und 169 Hambühren.
2001 entfiel der Status eines Munitionshauptdepots, Walsrode wurde wieder zum einfachen Munitionsdepot und gleichzeitig dem Munitionshauptdepot Saerbeck unterstellt. Damit folgte auch eine Reduzierung des Personalbestandes. Schon am 1. April 2004 brachte eine Neustrukturierung der logistischen Einrichtungen eine neue Unterstellung. Nun übernahm das Munitionsdepot Zetel die Führung, früher als Marinemunitionsdepot 4, Schweinebrück bekannt. Die vorerst letzte Änderung gab es 2017. Seitdem ist das Munitionsversorgungszentrum Ost in Schneeberg bei Beeskow, Brandenburg die vorgesetzte Dienststelle. Nun heißt es hier vor Ort Munitionslager Walsrode.
Die große Liegenschaft in Beetenbrück kann inzwischen im nördlichen Bereich auch von der Bundespolizei mitgenutzt werden. Im Stadtzentrum von Walsrode befindet sich schon seit Zeiten des Bundesgrenzschutzes eine Ausbildungseinrichtung, heute als Bundespolizeiaus- und -fortbildungszentrum bezeichnet.
Immerhin ist der Bestand des MunLgr Walsrode wohl für die Zukunft gesichert. Durch die in der Nähe befindlichen großen Truppenübungsplätze Bergen sowie Munster-Nord und -Süd ist die Deponierung von Munition für die Ausbildungsvorhaben der Truppe in der Umgebung sinnvoll. Über alle Teilstreitkräfte und die NATO-Partner geblickt, gab es im Jahr 1989 in Niedersachsen 75 Munitionslager aller Arten. Heute sind es noch 6!
Zustand:
Ein direkter Einblick in die HMa Walsrode ist nicht möglich. Für die Beschreibung der Infrastruktur kann nicht auf Lagepläne zurückgegriffen werden. Über aktuelle Luftbilder ist aber zu erkennen, daß die gesamte Anlage sich in einem guten Zustand befindet.
Zugang:
Das gesamte Gelände der früheren Muna und heutigen Munitionslagers Walsrode ist weiterhin militärischer Sicherheitsbereich und darf nicht betreten werden.
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